Gegen den Strom

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

AKW Tihange: Strahlender Profit

Doppelzüngig: Umweltministerin fordert, rissige Reaktoren in Belgien vom Netz zu nehmen, aber ihr unterstellte Behörde erteilt Exportgenehmigungen für Brennelemente in die AKW

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Es ist schon ein starkes Stück: Vor einem Jahr prangerten Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und andere Politiker aus der großen Koalition das belgische Atomkraftwerk Tihange 2 als Sicherheitsrisiko an. Gleichzeitig beliefert die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen mit Billigung des Bundesumweltministeriums den Pannenreaktor bei Lüttich mit frischem Brennstoff.

Hendricks leiste damit »aktive Beihilfe« zum weiteren Betrieb von Tihange 2, erklärten am Dienstag mehrere Bürgerinitiativen. Sie beriefen sich auf die aktuelle Transportliste des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE), Antworten der Bundesregierung auf eine Anfrage der Partei Die Linke sowie Recherchen des Westdeutschen Rundfunks.

Hendricks selbst habe im vergangenen Jahr die belgische Regierung um die Abschaltung des Reaktors Tihange 2 gebeten, sagt Jörg Schellenberg vom »Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie«. Jetzt lasse sie genau diesen Reaktor erstmals mit Brennelementen beliefern. Auch Matthias Eickhoff vom »Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen« ist empört: »Vor einem Jahr machte Umweltministerin Hendricks als engagierte Kritikerin der belgischen Pannenreaktoren von sich reden«, sagte er. »Nun tritt sie durch die frischen Exportgenehmigungen für Brennelemente als wichtigste Garantin für deren Weiterbetrieb auf. Das ist ein Skandal!«

Ähnlich lautet die Kritik der Grünen-Bundestagabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl. Nach ihrer Ansicht widerspricht sich die Bundesregierung, »wenn sie einerseits fordert, den Reaktor Tihange 2 aus Sicherheitsgründen vom Netz zu nehmen, und andererseits keine Sicherheitsgefährdung der deutschen Bevölkerung durch Brennelemente aus Deutschland, die diesen Reaktor in Betrieb halten, sieht«.

Das AKW Tihange 2 war wegen Tausender kleiner Risse im Reaktordruckbehälter in die Schlagzeilen und in Verruf geraten. In Deutschland und Belgien gab es Demonstrationen, mehrere Städte klagten gegen den Weiterbetrieb. In Aachen verteilten Ärzte während einer Ratssitzung Jodtabletten, die im Fall eines Atomunfalls in Tihange zumindest vor Schilddrüsenkrebs schützen sollen.

Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) forderte ebenso die Abschaltung des »Bröckelreaktors« wie Hendricks. »Wenn mir die besten Experten, die wir bei uns in Sachen Reaktorsicherheit haben, nicht bestätigen können, dass die Sicherheitsreserven von Tihange 2 und Doel 3 eingehalten werden können, dann halte ich es für richtig, die Anlagen vorübergehend vom Netz zu nehmen«, erklärte die Bundesumweltministerin im April 2016.

Nach WDR-Recherchen haben Schwertransporter zwischen dem 16. Juni 2016 und dem 14. März dieses Jahres in 16 Fahrten insgesamt 68 frische Brennelemente zum AKW Tihange 2 gebracht. Die Genehmigung des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit ist datiert vom Juni 2016 – sie erfolgte also drei Monate nach Hendricks’ Stellungnahme, wobei die Behörde dem Umweltministerium unterstellt ist.

Schon länger ist bekannt, dass die zum französischen Atomkonzern Areva gehörende Brennelementefabrik im Emsland ebenfalls den wegen zahlreicher Risse von Experten als gefährlich eingestuften Reaktor Doel 3 bei Antwerpen beliefert. Weil auch die Kernkraftwerke Doel 1 und 2 Nuklear­material aus Lingen erhielten, versorge Deutschland nun bereits vier von sieben belgischen AKW mit Brennelementen, kritisierten die Atomkraftgegner. Die Brennelementefabrik ist ebenso wie die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau vom deutschen Atomausstieg ausgenommen. Quelle

Reimar Paul

Grüne fordern Lieferstopp von Brennelementen nach Belgien

Brief an Bundesumweltministerin Hendricks spricht von Bedrohung für die Sicherheitslage Deutschlands durch das AKW Tihange

Die Grünen haben Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) aufgefordert, die Lieferung deutscher Brennelemente an den umstrittenen belgischen Atomreaktor Tihange zu verbieten. »Bei einem Austritt von Radioaktivität wären Teile der deutschen Bevölkerung von einem massiven Super-GAU betroffen«, heißt es in einem Brief an Hendricks, über den die »Rheinischen Post« berichtet. »Wir fordern Sie auf, den Export von Brennelementen aus Deutschland nach Tihange zu beenden. Dazu gibt ihnen das Atomgesetz die klare Befugnis«, schreiben der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer und die atompolitische Sprecherin Sylvia Kotting-Uhl.

Die Bundesregierung hatte vor einem Jahr vergeblich eine Betriebspause für den Reaktor Tihange gefordert, nachdem in den Reaktorblöcken Tausende kleiner Risse festgestellt worden und Sicherheitsfragen offen geblieben waren. Trotzdem ließ sie 50 Transporte mit Brennelementen zu.

Ein Unfall in dem Reaktor hätte auch für Deutsche Städte wie Aachen in Nordrhein-Westfalen Konsequenzen. So zeigt eine Studie mögliche Risiken auf, sollte es bei Tihange zur Katastrophe kommen. Das Ergebnis: Aachen und die umliegenden Regionen könnten sogar unbewohnbar werden.

Die beiden Grünen-Politiker argumentierten in ihrem Brief, der Brennelemente-Export dürfe nach dem Gesetz nur genehmigt werden, wenn diese nicht in einer die Sicherheit Deutschlands gefährdenden Weise verwendet würden. »Fast monatlich Störfälle und tausende Risse im Reaktordruckbehälter stellen eine Gefahr für Deutschland dar«, fügten sie hinzu. Das Umweltministerium hatte die Genehmigung der Lieferung der Brennelemente verteidigt und mit dem Atomgesetz begründet. Gegen den Meiler in Belgien gibt es immer wieder Proteste. Ein Akteur im Kampf gegen das AKW ist die Initiative Stop Tihange. Quelle

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