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Blutiger Sieg in Mossul

Bagdad verkündet Befreiung der nordirakischen Metropole. Enorme Verwüstungen und Opfer unter Zivilisten

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Zivilisten in der Altstadt von Mossul warten auf ihre Evakuierung durch irakische Truppen (8.7.17)

In Mossul, der einstigen irakischen Hochburg des »Islamischen Staats« (IS), leisteten am Montag immer noch vereinzelte Islamisten bewaffneten Widerstand gegen die irakische Armee und deren Verbündete. Nach neun Monaten Kampf hatte der irakische Ministerpräsident Haidar Al-Abadi am Sonntag das Ende des IS in Mossul erklärt. Die Bevölkerung der nordirakischen Metropole wird an den Folgen der letzten Kriegsjahre ihr Leben lang zu tragen haben.

Im Internet verbreitete Videoaufnahmen, die aus einem durch die Stadt fahrenden Fahrzeug aufgenommen wurden, zeigen die verheerenden Folgen der Luftschläge, mit denen die US-geführte »Anti-IS-Allianz« den irakischen und Peschmerga-Truppen den Weg in die Stadt freigebombt hatte: Verwüstung, wohin das Auge blickt. Einzelne Menschen laufen mit Bündeln und Taschen durch die Trümmer. Männer müssen ihre Hemden hochziehen, um den irakischen Soldaten zu zeigen, dass sie keine Sprengstoffgürtel tragen.

Die Menschen, die zwischen den Trümmern hervorkämen, wirkten wie »Zombies«, schreibt der Reporter Tom Westcott, der für den Informationsdienst IRIN berichtet. »Ihre Arme strecken sich uns entgegen, sie bitten um Wasser in der Nachmittagshitze von 42 Grad.«

Hunderte Zivilisten in Mossul wurden vom IS exekutiert oder während der Kämpfe als menschliche Schutzschilde missbraucht. Für Tod und Zerstörung sind allerdings nicht nur die IS-Milizen verantwortlich, sondern auch die Luftangriffe der »Anti-IS-Allianz« und die vorrückenden Truppen der irakischen Armee und der kurdischen Peschmerga. Gezielt wurde die zivile Infrastruktur der Stadt zerstört, keine der Brücken, die über den Tigris führten, existiert noch. Die Strom- und Wasserversorgung ist zerstört, Krankenhäuser und medizinische Zentren sind nicht mehr zu benutzen. Auch gab es Bombardierungen mit weißem Phosphor, dessen Einsatz in Wohngebieten international geächtet ist. Amnesty International (London) dokumentierte nun unter dem Titel »Um jeden Preis« 45 solcher Angriffe auf Mossul zwischen Januar und Mai 2017. Mindestens 426 Zivilpersonen seien dabei getötet worden. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Amnesty fordert eine »unabhängige Kommis­sion«, die diese Kriegsverbrechen untersucht und öffentlich dokumentiert.

Die von den USA geführte »Anti-IS-Allianz« befasst sich derweil mit der Sicherung der von den Islamisten befreiten Gebieten. Darum ging es bei Gesprächen, die Brett McGurk, der Sonderbeauftragte des US-Präsidenten für den »Anti-IS-Kampf« in Syrien und Irak, am vergangenen Wochenende in Bagdad und Erbil führte. Demnach wird mit der Weltbank bereits über die Finanzierung des Wiederaufbaus und die Stabilisierung von Mossul verhandelt. Washington werde weiterhin an der »Strategischen Rahmenvereinbarung« zwischen den USA und Irak festhalten, versicherte McGurk. Diese Vereinbarung sichert den USA langfristige Einflussnahme – offiziell spricht man von »Partnerschaft für eine Zukunft in Wohlstand« – auf die politische, militärische und wirtschaftliche Entwicklung des Irak.

Thema in Erbil sei die Gestaltung der »Nach-IS-Ära« gewesen, teilte Falah Mustafa, der Außenbeauftragte der kurdischen Autonomieregierung, mit. Die Anwesenheit von Aschti Hawrami, dem Minister für nationale Ressourcen in der kurdischen Autonomieregion, bei dem Gespräch mit McGurk könnte darauf hindeuten, dass die USA sich nicht so sehr um die Stabilisierung der Region sorgen, sondern vor allem die Kontrolle über die kurdischen Ölressourcen in der »Nach-IS-Ära« nicht aus den Händen geben wollen. Quelle

Von Karin Leukefeld

„Missachtung menschlichen Lebens“

Im Kampf um die irakische Stadt Mossul soll es zu schweren Kriegsverbrechen gekommen sein. Das prangert die Menschenrechtsorganisation Amnesty International an. Dabei sollen sich alle Konfliktparteien schuldig gemacht haben.

Amnesty International wirft den Konfliktparteien beim Kampf um die nordirakische Stadt Mossul schwerste Verbrechen an der Zivilbevölkerung vor. „In einigen Fällen könnten diese Menschenrechtsverletzungen Kriegsverbrechen darstellen“, heißt es in einem am Dienstag in Berlin veröffentlichten Bericht von Amnesty. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) habe Zivilisten aus umliegenden Dörfern in den umkämpften Westteil der Stadt gebracht, um sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Gleichzeitig hätten irakische Streitkräfte und die von den Amerikanern geführten Koalitionstruppen Waffen eingesetzt, „die in bevölkerungsreichen Gegenden niemals eingesetzt werden dürfen“.

Die Studie „At any cost“ („Ohne jede Rücksicht“) dokumentiert Augenzeugenberichte von Bewohnern, medizinischen Helfern und Rüstungsexperten zu Kämpfen zwischen Januar und Mitte Mai. Demnach hinderte der IS Zivilisten „mittels verschweißter Türen und Sprengfallen“ an der Flucht. Bei Widerstand seien viele umgebracht worden.

„Die Missachtung menschlichen Lebens durch alle Konfliktparteien darf nicht ungestraft bleiben“, erklärte die Nahost-Beauftragte der Menschenrechtsorganisation, Lynn Maalouf, am Dienstag.

Amnesty forderte die sofortige Einsetzung einer „unabhängigen Kommission“. Diese solle in den Fällen, in denen es „glaubwürdige Beweise“ für die Verletzung internationalen Rechts gebe, sicherstellen, dass tatsächlich Ermittlungen gebe und die Ergebnisse anschließend veröffentlicht würden.

Großteil der Stadt in Schutt und Asche

Am Montag hatte der irakische Regierungschef Haider al-Abadi rund acht Monate nach dem Beginn einer Großoffensive den endgültigen Sieg über die IS-Miliz in Mossul verkündet. Die Dschihadisten hatten die Stadt 2014 überrannt und in den von ihnen eroberten Gebieten im Irak und in Syrien ein „Kalifat“ ausgerufen. Die irakischen Truppen begannen dann im Oktober mit der Rückeroberung von Mossul.

Während der monatelangen Kämpfe um die Stadt verzeichneten Hilfsorganisationen enorme Schäden. Tausende Menschen wurden getötet oder verletzt, ein Großteil der Stadt liegt nunmehr in Schutt und Asche, nahezu 920.000 Zivilisten ergriffen die Flucht. Quelle

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