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Wut und Trauer zu Widerstand

Internationaler Aktionstag gegen Feminizid: Jesidinnen erinnern an Vernichtungsfeldzug des »Islamischen Staates«

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Jesidinnen in Bielefeld bei einer Solidaritätsaktion für die Region Schengal (Sindschar) während der IS-Angriffe im August 2014

Als die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) vor bald drei Jahren in der nordirakischen Sindschar-Region einfiel und Dutzende Massaker an der jesidischen Bevölkerung verübte, hatten sich die Streitkräfte der »Autonomen Region Kurdistan« Massud Barsanis, die wenig später Waffenlieferungen aus Deutschland erhielten, schon zurückgezogen. Sindschar oder Schengal – so der kurdische Name – hatte keinen schützenden rechtlichen Status, weil ein in der irakischen Verfassung von 2005 versprochenes Referendum bis dato nicht abgehalten worden war. Erst im September 2017 soll darüber abgestimmt werden, ob der Distrikt künftig zum Verwaltungsbereich Bagdads oder der kurdischen Regionalregierung Barsanis in Erbil gehört.

Am 3. August 2014 fehlten den Jesiden die Selbstverteidigungskräfte, die erst als Reaktion auf den Angriff gegründet wurden – darunter die »Frauenverteidigungseinheiten Schengals« (YJS). Die Vergewaltigung und Versklavung von Frauen und Mädchen war und ist Teil der Strategie, mit der die Dschihadisten des IS die Jesiden als Gruppe auslöschen wollen. Während Christen und Juden in ihrem »Kalifat« eine Art Schutzsteuer zahlen können, um verschont zu werden, steht die jesidische Religionsgemeinschaft für sie auf einer Stufe mit Atheisten und Polytheisten, die als »Ungläubige« zu verfolgen sind. Das Jesidentum ist zwar monotheistisch, beruht aber nicht auf einer »heiligen Schrift«. Die Zahl der Jesiden wird weltweit auf weniger als eine Million geschätzt – im Norden des Irak ist eines ihrer Hauptsiedlungsgebiete.

In den Sindschar-Bergen suchten während der IS-Angriffe Tausende Jesiden Zuflucht. Überlebende ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Rettung nicht den Peschmerga der Regionalregierung in Erbil verdankten. Es waren Kämpferinnen und Kämpfer der »Arbeiterpartei Kurdistans« (PKK), die im August 2014 zusammen mit Einheiten des kurdisch-multiethnischen Selbstverwaltungsgebiets Rojava in Nordsyrien einen Korridor dorthin freikämpften.

Experten der Vereinten Nationen haben die IS-Massaker an den Jesiden als Genozid bezeichnet – in mittlerweile wieder befreiten Dörfern wurden Massengräber gefunden; die genaue Zahl der Toten und Verschleppten ist unbekannt. Die »Frauenfreiheitsbewegung der Êzidinnen« (TAJÊ) geht davon aus, dass Tausende noch in IS-Gefangenschaft leben – vor allem ihrer Befreiung ist der »Internationale Aktionstag gegen Feminizid« gewidmet, den sie am 3. August erstmals begehen will. »Inoffiziellen Zahlen zufolge sind im Zuge der Übergriffe des sogenannten IS in Sindschar über 5.000 Frauen und Kinder verschleppt und auf Sklavenmärkten verkauft worden. Die Frauen und Mädchen wurden nicht nur im Nordirak und Syrien, sondern auch in andere Länder wie Saudi-Arabien verkauft und werden seitdem als Sexsklavinnen gehalten und ausgebeutet«, heißt es im Aufruf der TAJÊ. Zugleich betonen die Aktivistinnen, dass die Tötung von Frauen aufgrund ihres

Geschlechts und sexistisch motivierte Gewalt weltweite Phänomene und international zu bekämpfen sind. Neben den Verbänden jesidischer Kurdinnen und dem Frauenflügel der »Partei der Demokratischen Union« (PYD) in Rojava unterstützen zahlreiche andere Gruppen und Organisationen aus dem Mittleren Osten und Europa den Aufruf.  In Deutschland dürfen jedoch die Fahnen der PKK, die vor drei Jahren weitere Massaker verhindert hat, an diesem Tag nicht gezeigt werden.

Obwohl sie hier gewaltfrei agiert, droht ihren mutmaßlichen Mitgliedern wegen des 1993 erlassenen PKK-Verbots Strafverfolgung. Erst am Freitag vergangener Woche wurde der kurdische Aktivist Zeki Eroglu in Hamburg wegen dieses Vorwurfs zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Quelle

Claudia Wangerin

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