Gegen den Strom

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Polizei marschiert auf

Alle Gewalt geht vom Fernsehen aus: Wie das ZDF linken Protest bekämpft

Antifaschisten_und_K_29439305.jpg

»Und Jahr für Jahr zu wenig Aufmerksamkeit für linke Gewalt durch die Politik, klagt die Polizei vor Ort« in Berlin, der angeblichen Hauptstadt der Linksradikalen. Hier hat sie gerade eine Demonstration von Kurden aufgelöst (November 2011)

Bilder der nächtlichen Straßenschlacht im Schanzenviertel während des G-20-Gipfels, unterlegt mit theatralischen Weltuntergangsklängen, dazu eine dramaturgische Stimme aus dem Off: »Steinwürfe von Vermummten, Angriffe auf Polizisten, brennende Barrikaden, Geschäfte werden geplündert. Die radikale Linke sorgt für Ängste.« So beginnt die ZDF-Dokumentation »Radikale von links – die unterschätzte Gefahr«.

Plötzlich und unvermittelt blitzt das Symbol der RAF auf. Von der größten Herausforderung nach dem Krieg für den deutschen Staat ist die Rede. Doch nach deren Selbstauflösung 1998 sei es ruhig geworden um die extreme Linke in Deutschland. Nur der Verfassungsschutz sorgt sich: Die Hemmschwelle sinke wieder. Hierfür gibt neue Statistiken, die die ansteigende Gewalt von links belegen sollen. Dieser Blickwinkel wird in der Dokumentation kontinuierlich beibehalten, auf einen eigenen journalistischen Standpunkt vollständig verzichtet. Die Kommentare von Staatsschutz, Polizei und ihren Experten nehmen breiten Raum ein, sie sind identisch mit den Aussagen der Stimme aus dem Off.

Was war der Plan?

»Was habt ihr denn erwartet?« lautet der eine oder andere Kommentar nach der Ausstrahlung am 6. September. Zunächst mal: einen anderen Film. Rainer Fromm, bislang bekannt für Recherchefilme über das rechte Spektrum, suchte Anfang des Jahres Interviewpartner zum Thema linke Szene und Antifa, dabei wandte er sich auch an mich. Ich holte Erkundigungen über ihn ein, die mir alle grünes Licht signalisierten. Bei seinen anderen Interviewpartnern aus der Linken war das wohl ähnlich. Mit dem G-20-Gipfel änderte sich plötzlich das Projekt. Geplant war eine Dokumentation über die radikale Linke und was sie heute bewegt. Entstanden ist jedoch ein demagogischer Film, der »vor der Rückkehr des Alptraums linken Terrors in Deutschland« warnt. Die Interviews mit Linken dienen ausschließlich der Bebilderung tendenziöser Thesen.

Da heißt es zum Beispiel: »Antifaschismus ist derzeit eines der Hauptthemen linker Extremisten.« Als wären die Leute, die im April gegen den Bundesparteitag der AfD in Köln demonstrierten, die geistigen Nachfolger der RAF. Während die Stadt sich angeblich im Ausnahmezustand befindet, wird ein Sprecher der Gruppe »Nationalismus ist keine Alternative« gefragt, ob ihm verletzte AfD-Mitglieder denn nicht leid täten. Nach kurzem Zögern entgegnet er: »Nein.« Diese Aussage ist geschickt vor das eigentliche Interview gesetzt, in dem derselbe Sprecher anmerkt, dass die AfD gerade dabei sei, völkischen Rassismus und Antisemitismus wieder salonfähig zu machen. Schnitt, neue Perspektive: Polizei marschiert auf, dazu erschallt die Stimme aus dem Off: »Das Ergebnis linker Gewalt beim Anti-AfD-Protest: zwei verletzte Polizeibeamte, eine Festnahme.«

AfD-Wissenschaft

 

Ein solcher Ausgang reicht allerdings nicht aus, um das Bild von blutrünstigen Linksradikalen drastisch genug zu entwerfen. Nun folgen ein paar Filmschnipsel vom Remmidemmi bei der Einweihung der EZB im Juni 2015 in Frankfurt. Derart eingestimmt, holt der Kommentator aus: »Anders als bei Neonazis, wird die Entwicklung des politischen Linksaußen wissenschaftlich kaum aufgearbeitet. Zum Schwerpunkt Linksextremismus hat Karsten Dustin Hoffmann promoviert. Er war Mitglied eines Forscherteams, das die Wahrnehmung des politischen Extremismus in der Publizistik analysierte.« Dieser wissenschaftliche Experte, der gleich zweimal im Film vorkommt, polemisiert dann vor allem gegen die Rote Flora in Hamburg. Die Mitgliedschaft Hoffmanns bei der Kreistagsfraktion der AfD in Rotenburg (Wümme) bleibt dabei unerwähnt.

Dass aber die Linksradikalen überall mitmischen und Proteste für ihre Zwecke missbrauchen würden, gilt uneingeschränkt, auch ohne Belege, z. B. im Kampf gegen die Atomkraft, gegen die Startbahn West oder gegen das Wettrüsten – Kämpfe, die längst vorbei sind und heute keine Rolle mehr spielen. Joseph Fischer wird eingeblendet. Ein ehemaliger Straßenkämpfer, der Außenminister wurde. Trotzdem waren die radikalen Linken mit der »rot-grünen« Bundesregierung unzufrieden. Warum? Das erklärt der sogenannte Extremismusforscher Uwe Backes – auch so ein neutraler Experte vom rechten Rand.

Zum Glück hat der Verfassungsschutz die angeblich ständig steigenden Zahlen der Autonomen (und der noch gefährlicheren Postautonomen) im Blick. Besonders bedrohlich scheint die Interventionistische Linke zu sein, die sich laut Kommentator als Avantgarde versteht. Ihr wird von einem Verfassungsschützer attestiert, dass sie durch das Einüben von Sitzblockaden eine höhere Gewaltbereitschaft erreicht habe. Dann steht Leipzig-Connewitz im Blickpunkt. Erneut das inzwischen bekannte Muster, was die Linken-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel sagt, ist nicht verkehrt, doch ihre Aussagen gehen in einem Gerangel zwischen Antifas und Polizei unter. Dazu die Stimme aus dem Off: »Die Abgeordnete Nagel sieht die Gewalt bei den Polizisten. Die Polizei als Buhmann, eine verbreitete Weltsicht.«

Von Stalin bis zur G-20-Demo

Nun wird die Dokumentation endgültig zu einem Propagandafilm. Im Schweinsgalopp geht es durch die Geschichte; von der Französischen Revolution über die Oktober- bis zur Kulturrevolution Mao Zedongs. Wir werden belehrt: Die Linken, besonders die radikalen Linken, haben der Welt nur millionenfachen Tod und Verderben gebracht. Dass beispielsweise Autonome in den Siebzigern überhaupt erst in Abgrenzung zu autoritär kommunistischen Strömungen und Regimen entstanden sind, spielt hier Rolle. Die heutige Antifa soll einfach in einer historischen Abfolge von Stalin, Mao und Pol Pot betrachtet werden. Da ist es dann auch nicht mehr weit zu »Konzepten des Guerillakampfes«, die angeblich bei den Protesten gegen den G-20-Gipfel in Hamburg zum Tragen gekommen sind. Das Geld für diese frei erfundene Guerilla kommt natürlich aus den linken Zentren, den »bundesweiten Sammelfeldern für Radikale«. Auf einer BRD-Karte werden sie an den Pranger gestellt: die Rote Flora in Hamburg, die Rigaer Straße 94 in Berlin, das Juzi in Göttingen, Conne Island in Leipzig, Autonomes Zentrum KTS in Freiburg, das Kafe Marat in München.

Schließlich führt die Dokumentation nach Berlin, wo sich das größte Zentrum der linken Szene befinden soll. Einige Aufnahmen vom 1. Mai 2017 in Kreuzberg werden gezeigt, die Deeskalationspolitik wird kritisiert. »Jahr für Jahr Randale. Und Jahr für Jahr zuwenig Aufmerksamkeit für linke Gewalt durch die Politik, klagt die Polizei vor Ort.« Ein GdP-Sprecher erzählt, »dass wir verschiedene Straßen in der Stadt haben, wo Funkwagenbesatzungen, wo auch unsere Einsatzhundertschaften nicht mehr aussteigen.« Na klar: Noch mehr Polizei muss her. Das ist oberstes Gebot. Doch was steht im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und Linkspartei? Auf zwei Seiten findet man etwas zu Neonazis und islamistischem Terror, aber kein Wort über den bösen Linksextremismus. Glücklicherweise gibt es ja noch die Linksparteipolitiker Diether Dehm und Sahra Wagenknecht, die offensichtlich zu allem etwas zu sagen haben. Auch als Kronzeugen gegen linksradikale, autonome Gewalt.

Obendrein präsentiert uns die Doku ein Modelabel, das Babystrampler mit RAF-Logo feilbietet. Spätestens hier müsste klar sein, dass dieses Emblem zur Popikone geworden ist und nur noch als Marketinggag funktioniert. Aber nein, selbst aus Modeschnickschnack wird versucht, eine Bedrohung zu konstruieren. Nein, das ist keine Satiresendung, sondern ZDF-Feindpropaganda. Quelle

Bernd Langer

Bernd Langer ist Künstler, Autor und Historiker aus Berlin. Letzte Veröffentlichung: »Kunst und Kampf«, 2016

Aktuelle Seite: Startseite Topnews Aktuell news Polizei marschiert auf