Gegen den Strom

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Libyens Regime bekämpft das eigene Volk

Kampfjets über Tripolis - Augenzeugen sprechen von Massaker. Der Ghadhafi-Clan ist offenbar nicht bereit, ohne Blutvergiessen aufzugeben. Nachdem der libysche Aufstand die Hauptstadt Tripolis erreicht hat, wird mit brutaler Gewalt zurückgeschlagen. In Regierung und Militär gibt es jedoch deutliche Absetzbewegungen. Der Verbleib Ghadhafis ist weiter unklar.

Die Lage in Libyen eskaliert. Über der Hauptstadt Tripolis donnerten am Montagabend nach Augenzeugenberichten Kampfflieger hinweg. Scharfschützen bezogen auf Dächern Stellung, offenbar um Regierungsgegner von ausserhalb davon abzuhalten, sich den immer massiveren Protesten gegen Staatschef Muammar al-Ghadhafi anzuschliessen, wie ein in London ansässiger Aktivist, Mohammed Abdul Malek, unter Berufung auf Bewohner berichtete.

«Kampf bis zum letzten Mann»

Das Staatsfernsehen berichtete, das Militär habe «die Verstecke der Saboteure» gestürmt. Die Kommunikationsverbindungen in die Stadt war unterbrochen, und auch Handyanrufe nach Libyen waren vom Ausland aus unmöglich.

Das Parlament stand in Flammen. Das Regime drohte seinen Gegnern, die inzwischen offenbar die zweitgrösste Stadt Bengasi kontrollieren, mit einem «Kampf bis zum letzten Mann».

Kampfflugzeuge gegen Demonstranten

Nach einem Bericht des arabischen Fernsehsenders al-Jazira griff am Montagabend das Militär einen riesigen Demonstrationszug in der Hauptstadt Tripolis mit Flugzeugen an.

Auch scharfe Munition werde eingesetzt, meldete der Sender unter Berufung auf Informanten. Eine Augenzeugin berichtete über Satellitentelefon von einem Massaker unter den Demonstranten in Tripolis. Die libyschen Behörden haben laut dem Sender alle Festnetz- und Funktelefonverbindungen im Land unterbrochen.

Staatschef Muammar al-Ghadhafi hat sich mit einem bizarren Auftritt öffentlich zu Wort gemeldet. Am frühen Dienstagmorgen erklärte er im Staatsfernsehen, er halte sich in Tripolis auf.

«Ich bin hier, um zu zeigen, dass ich in Tripolis bin und nicht in Venezuela», erklärte er in der kurzen Aufzeichnung. Er habe eigentlich seine Anhänger auf dem Grünen Platz besuchen wollen, dann habe ihn aber der Regen davon abgehalten, sagte Gaddafi weiter.

Ghadhafi trug während der nur wenige Sekunden langen Aufnahme, die wie ein Sketch wirkte, einen Regenschirm in der Hand. Er sass dabei in einem alten Auto und murmelte leise vor sich hin. Nach Angaben des staatlichen Senders wurde der Auftritt «live» aus Gaddafis Residenz übertragen. Am Schluss machte der 68-jährige Revolutionsführer den Schirm zu.

Der Film ist auf der Website von BBC zu sehen.

Absetzbewegungen in den Sicherheitskräften

Eine Gruppe libyscher Offiziere appellierte in einer Mitteilung an alle Armeeangehörigen, sich «dem Volk anzuschliessen» und Ghadhafi zu entmachten, wie der Sender Al-Jazira meldete. Die Offiziere hätten die Armee zu einem Marsch auf Tripolis aufgefordert.

Libysche Grenzschützer haben nach ägyptischen Angaben ihre Posten an der Grenze zwischen den beiden Ländern verlassen. Das ging am Montag spät aus Mitteilungen des ägyptischen Militärs auf der Internet-Plattform Facebook hervor. Die libysche Seite der Grenze sei derzeit unter Kontrolle von «Volkskomitees». Unklar blieb zunächst, ob diese zum libyschen Machthaber Muammar al-Ghadhafi halten oder zu dessen Gegnern gehören.

Bengasi in der Hand der Protestbewegung

Die zweitgrösste Stadt Libyens, die Hafenstadt Bengasi, scheint inzwischen in der Hand der Protestbewegung zu sein. Die Demonstranten setzten Regierungsgebäude und Polizeireviere in Brand und brachten das Sicherheitshauptquartier der Stadt, die Katiba, unter ihre Kontrolle. Auf dem Gerichtsgebäude der Stadt wurde laut Augenzeugen die Fahne der alten Monarchie gehisst. Teile der Sicherheitskräfte sollen sich der Protestbewegung angeschlossen haben.

Anwohner befürchten eine weitere Eskalation der Gewalt, nachdem sich Regierungsgegner und -anhänger bewaffnet haben. Augenzeugen berichten von geplünderten Waffengeschäften und Arsenalen der Polizei.

Angesichts der blutigen Unruhen wandte sich einer von Ghadhafis Söhnen, Seif al-Islam, in der Nacht zum Montag erstmals an die Öffentlichkeit: In einer 40-minütigen, teilweise unzusammenhängenden Ansprache im Staatsfernsehen versprach er «historische» Reformen, drohte aber zugleich damit, sein Vater werde «bis zum letzten Mann» kämpfen.

Ghadhafis Sohn bestätigte, dass die Demonstranten einige Militärstützpunkte, Panzer und Waffen unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Die Streitkräfte stünden aber weiter hinter seinem Vater, der sich im Land aufhalte.

Risse in der Führung

Derweil wurden auch erste Risse innerhalb der libyschen Führung deutlich. Justizminister Mustafa Abdel Jalil sei zurückgetreten, um gegen die «exzessive Anwendung von Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten zu protestieren», meldete Kurejna.

Uno-Botschafter fordern Ghadhafis Rücktritt. Quelle

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