Gegen den Strom

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Gadhafi erklärt seinem Volk den Krieg

In einer wirren TV-Ansprache droht Gadhafi den Protestierern unverhohlen mit dem Tod. Doch Libyen gerät ihm außer Kontrolle, der Osten ist in der Hand der Aufständischen.

Panzer, Kampfflugzeuge und Hubschrauber sowie eine wild um sich schießende Soldateska, Hunderte Tote, Tausende Verletzte und Zehntausende auf der Flucht – das Regime von Muammar al-Gadhafi hat seinem eigenen Volk den Krieg erklärt. "Wir werden bis zum letzten Blutstropfen kämpfen", kündigte der Despot am Abend in einer wirren und streckenweise wahnsinnigen Tirade im staatlichen Fernsehen an.

Die Demonstranten beschimpfte er als Ratten und Drogensüchtige. Rücktritt oder Flucht ins Exil lehnte er ab. Er habe kein Amt in Libyen inne, von dem er zurücktreten könne, giftete der Machthaber und las mit theatralischer Geste aus seinem Grünbuch vor. Den Aufständischen warf er vor, sie wollten die Einheit Libyens zerstören und das Land in einen islamischen Staat verwandeln.

Doch umso härter der Gadhafi-Clan um sich schlägt, umso mehr schwindet seine Macht. Immer mehr Militäreinheiten desertieren. Der gesamte Osten des Landes einschließlich der Grenzstation zu Ägypten ist bereits in der Hand der Aufständischen. In New York trat der UN-Sicherheitsrat auf Antrag libyscher UN-Diplomaten zusammen, die ihre Ämter aus Protest gegen das Blutbad in ihrer Heimat niedergelegt hatten. Zuvor hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rund 40 Minuten lang dem Machthaber ins Gewissen geredet und in scharfem Ton verlangt, "die Gewalt gegen die Demonstranten zu beenden".

Aus aller Welt hagelte es empörte Warnungen an die Adresse des Regimes – die Europäische Union und Deutschland drohten Gadhafi bereits mit Sanktionen. Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte bestürzt auf die Fernsehansprache, Gadhafi habe seinem Volk "den Krieg erklärt", sagte sie am Dienstagabend in Berlin. Seine Worte seien "sehr, sehr erschreckend" gewesen.

Doch der gibt sich völlig ungerührt. Mehr als eine Stunde dauerte der bizarre Auftritt von "Bruder Führer" Muammar al-Gadhafi im staatlichen Fernsehen, aufgenommen in den Trümmern der 1986 von einem amerikanischen Luftangriff zerstörten Villa des selbsternannten Revolutionsführers auf dem Areal der Militärbasis Bab al-Azizia. Immer wieder verlor er den Faden, starrte schweigend auf sein Manuskript. Den Protestierern droht er unverhohlen mit Tod und Blutvergießen, bevor er seine bizarre Rede mit den Worten "Revolution, Revolution" beendete.

Gadhafi hat alle Fäden fest in der Hand, sollte dieser Auftritt wohl suggerieren, sekundiert von der Propaganda-Maschine des libyschen Staatsfernsehens. "Alles Lügen" seien die Behauptungen, die Sicherheitskräfte hätten die Protestierer in verschiedenen Städten und Ortschaften massakriert. "Das ist Teil der psychologischen Kriegsführung gegen Libyen", stand auf einem roten Nachrichtenband des Kanals Al-Jamahiriya Two zu lesen. Die von außen gesteuerte Hetzkampagne habe nur das Ziel, "unsere Moral, unsere Stabilität und unseren Reichtum" zu zerstören. Die Sicherheitskräfte seien lediglich dabei, Gruppen von Terroristen niederzukämpfen.

Derweil legten am Dienstag weitere libysche Diplomaten ihre Mandate nieder – darunter der Missionschef in den Vereinigten Staaten. Der libysche Botschafter in Indien, Ali al-Essawi, erklärte, noch nie in der Geschichte habe eine Regierung fremde Söldner angeheuert, um auf das eigene Volk zu schießen. Die Bewaffneten würden in die Wohnungen eindringen, Frauen und Kinder hinrichten. "Seit Montag haben sie auch Flugzeuge gegen Zivilisten eingesetzt – das ist völlig unakzeptabel", sagte er dem Sender Al-Jazeera. Zahlreiche Nationen begannen, ihre Staatsangehörigen aus dem von Gewalt geschüttelten Land auszufliegen – darunter auch 450 Deutsche.

Arabische Flüchtlinge an der libysch-ägyptischen und libysch-tunesischen Grenze berichten von offenem Gemetzel in den Städten. Bewaffnete hätten zahlreiche Checkpoints auf den Überlandstraßen errichtet und würden alle Flüchtlinge bis auf die Kleider ausrauben. "Wenn man aus Bengasi raus fährt, gibt es nur noch bewaffnete Banden und Jugendliche, die Straße ist extrem gefährlich", sagte ein Augenzeuge. In Tripolis schossen Hubschrauber erneut auf Menschen in den Straßen, um weitere Demonstrationen zu verhindern. Kampfjets flogen Bombenangriffe auf Wohnviertel.

Wie Augenzeugen berichteten, machten afrikanische Söldner aus dem Tschad und aus Nigeria Jagd auf Leute und schossen auf jeden, der ihnen vor den Lauf kam. Mehr als 1000 chinesische Bauarbeiter mussten sich vor bewaffneten Plünderern in Sicherheit bringen, die ihre Containersiedlung gestürmt hatten. Vielen wurden die Computer und das Gepäck gestohlen.

Die Start- und Landesbahn des Flughafens von Bengasi ist nach Militärangaben aus Kairo beschädigt und nicht mehr benutzbar. Ein Arzt des Al-Jalae-Krankenhauses schilderte am Dienstag Al Jazeera, die Stadt sei inzwischen ruhig und unter der Kontrolle der Aufständischen. Momentan gebe es keine Kämpfe in den Straßen. Viele Krankenhäuser hätten kaum noch Medikamente. Es gebe einen extremen Mangel an Blutkonserven. Nach seinen Angaben sind allein in Bengasi in den letzten Tagen über 300 Menschen getötet worden. Er selbst habe schwer verstümmelte Leichen gesehen, Opfer, die offenbar mit Raketen, Artillerie und Panzerfäusten angegriffen worden seien. Quelle

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