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Iran: Blutiger Sonntag

Es sollte ein Anlass sein, der die Iraner im Gedenken an einen der meist verehrten Märtyrer des schiitischen Islam vereint. Stattdessen wurde es ein Tag des Blutvergießens. Am schiitischen Trauertag Aschura kam es zur offenen Konfrontation mit der Regierung, die gegen oppositionelle Demonstranten mit Gewalt vorging. So kam es zu dem seit Monaten gewalttätigsten Konflikt zwischen Anhängern der Opposition und Sicherheitskräften. Am 27. Dezember wurden dabei in Teheran mindestens fünf Demonstranten getötet und viele verletzt. Noch am Abend berichteten Zeugen von anhaltenden Schießereien. Vier weitere Demonstranten wurden in der nordiranischen Stadt Täbris getötet, der Hochburg des Oppositionsführers Mir Hossein Mussawi, dessen Neffe einer der Ermordeten von Teheran sein soll.

Feiertag entweiht

Anders als bei früheren Zusammenstößen schlugen die oppositionellen Demonstranten dieses Mal mit Gewalt gegen die Sicherheitskräfte zurück. Augenzeugen beschreiben, wie Polizisten angegriffen wurden. Man habe sie mit ihren eigenen Schlagstöcken verprügelt. Ein Video auf Youtube zeigt, wie ein Polizist von einer wütenden Menge umringt wird und ein andere nach einem Zusammenstoß mit einer blutigen Kopfverletzung zurückbleibt.
Rauchwolken stiegen gestern immer wieder über Teheran auf, nachdem zahlreiche Autos und Motorräder der Polizei in Brand gesetzt wurden. Hauptstraßen der Stadt waren mit Pflastersteinen übersät, die als Wurfgeschosse gedient hatten. Die Sicherheitskräfte eröffneten schließlich das Feuer auf Demonstranten, die sich auf den Magistralen Teherans versammelt hatten. Es war ihnen zuvor nicht gelungen, den Proteste mit Tränengas und Warnschüssen aufzulösen.

Als die Menschen begannen, die Polizei anzugreifen, bekam die den Befehl, in Stellung zu gehen, anzulegen und direkt auf die Leute zu schießen“ erzählt ein Augenzeuge, der 25-jährige Student Muhammad. „Wir waren auf der Kolaj-Brücke, als sich die Menge gegen die Polizei wandte. Die Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer. und ich habe einen Mann gesehen, dem eine Kugel durch den Kopf gejagt wurde.“ Der Konflikt heizte sich weiter auf, nachdem die grüne Oppositionsbewegung beschlossen hatte, den Trauertag Aschura für Demonstrationen zu nutzen. An Aschura gedenken die Schiiten des Imams Husseins, eines Enkels des Propheten Mohammed. Die Regierung hatte im Vorfeld zu verstehen gegeben, sie würde auf jede Art von Auflehnung mit harten Maßnahmen reagieren. Krankenhäuser und medizinische Notdienste wurden in Alarmbereitschaft versetzt, um auf eine große Anzahl von Verwundeten vorbereitet zu sein. Viele Verletzte wurden jedoch nicht in die Hospitäler gebracht – zu groß die Sorge, sie könnten dort verhaftet werden.

Das islamische Regime hat nun durch die tödliche Gewalt an einem der höchsten und heiligsten Feiertage des Islam womöglich selbst seinen Anspruch als Wahrer der islamischen Traditionen nachhaltig untergraben. Der Islam verdammt Kriegshandlungen und Blutvergießen während des aktuellen islamischen Monats „Muharram“ als haram oder verboten. Die Polizei erklärt hingegen, die Todesfälle seien verdächtig. Sie leugnet Befehle von oben, nach denen das Feuer eröffnet worden sei. Der iranische Polizeipräsident Ahmad Reza Radan erklärte, es sei nur eine einzige Person erschossen worden und der Todesschütze kein Polizist. Zwei andere Personen seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen, eine weitere Person von einer Brücke gestürzt.

Streit über Schießbefehl

Die oppositionelle Website Rah-e Sabz zitiert Augenzeugenberichte, nach denen einige Sicherheitskräfte gemeutert und mit ihren Vorgesetzten heftig über den Schießbefehl gestritten hätten. Einem soll von seinem Vorgesetzten mit dem Militärtribunal gedroht worden sein, nachdem er gesagt hatte: „Ich werde niemals meine Landsleute töten.“

Die Erschießungen drohen nun das Ansehen von Revolutionsführer Ali Chamenei weiter zu beschädigen, der Präsident Mahmud Ahmadinedschad schon länger als Zielscheibe des Zorns abgelöst hat. Demonstranten skandierten gestern: „Chamenei ist ein Mörder, seine Führerschaft ist unrechtmäßig.“ Ebenso beschädigend für seinen Ruf waren Slogans, die ihn mit den Vergewaltigungsvorwürfen in Verbindung brachten, die oppositionelle Aktivisten erhoben hatten. Sie hatten von brutalen sexuellen Übergriffen im Gefängnis berichtet, nachdem sie im Zuge der hart umstrittenen Präsidentschaftswahl im Juni verhaftet worden waren.

Der in Frankreich lebende iranische Politikwissenschaftler Hossein Bastani geht davon aus, dass die Ereignisse das islamische Regime noch näher an den Rande des Kollaps getrieben haben. „Inzwischen ist jeder davon überzeugt, dass das islamische Regime so nicht weiter machen kann“, erklärte er. „Ich glaube, dass ein entscheidender Wandel im politischen System des Iran bevorsteht. Keiner kann sagen, ob er in zwei Wochen, in zwei Monaten oder in einem Jahr stattfindet. Doch jeder weiß, das Regime ist viel zu schwach, um zu überdauern. Das Verhalten Chameneis und Ahmadinedschads hat dazu geführt, dass die meisten Iraner nun einen Regimewechsel befürworten.“

Die halbstaatliche Nachrichtenagentur Fars, die in enger Verbindung mit den Revolutionsgarden steht, erklärte gestern, die Zusammenstöße seien von Mussawis Anhängern provoziert worden, die „dem Ruf ausländischer Medien gefolgt seien“. Fars klagte an, „irregeleitete Krawallmacher“ hätten den Koran in Brand gesetzt und sich am Trauertag Aschura „nicht als ehrerbietig erwiesen“.

Ali Mussawi, Neffe von Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi, soll einem politischen Mord zum Opfer gefallen sein. Sein Tod gleicht den Angaben zufolge einer Hinrichtung.

Glaubt man den Angaben von Regimegegnern, wurde Ali Mussawi regelrecht hingerichtet. Die New York Times berichtet unter Berufung auf den in Paris lebenden Mohsen Makhmalbaf, einem Vertrauten der Mussawis, wie die Mörder vorgegangen sein sollen. Neffe Ali sei vor seinem Haus von einem Sportwagen überfahren worden. Daraufhin seien fünf Männer ausgestiegen, einer von ihnen habe Mussawi erschossen. Der Mord sei als eine Drohung gegen Oppositionsführer Mussawi zu verstehen, schreibt Makhmalbaf auf seiner Website. Regierungsvertreter hätten den Leichnam des Neffen mitgenommen und die Familie davor gewarnt, ein Begräbnis zu organisieren

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