Gegen den Strom

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Im Bürgerkrieg hat sich das Blatt gewendet. Die Rebellen fordern vom Westen eine Flugverbotszone.

Die Ausgelassenheit, die noch letzte Woche in Ras Lanuf zu spüren war, hat sich in Wut und Panik verwandelt. Rebellen brachten sich vor schwerem Beschuss aus Panzern und Kampfflugzeugen der Regierungsseite in Sicherheit. Noch vor einer Woche hatten begeisterte Rebellen einen Angriff von regimetreuen Einheiten zurückgeschlagen und geschworen, gegen Tripolis vorzurücken. Jetzt sind sie überall auf dem Rückzug.

«Und wo ist die Flugverbotszone?», schrie ein Kämpfer hysterisch, während seine Genossen wütend ihre Flugabwehrgeschütze auf einen Kampfjet abfeuerten, ohne ihn jedoch erreichen zu können. Einige hundert Meter weiter schüttelte ein ehemaliger Oberstleutnant, der zu den Aufständischen übergelaufen war, verzweifelt den Kopf. «Das ist keine Armee», sagte er. Als letzte Woche eine Rakete unweit des von Rebellen gehaltenen Hafens Brega eingeschlagen habe, hätten die Kämpfer nicht Stellungen ausgehoben oder ihre Flugabwehrgeschütze getarnt, sondern mit dem Ruf «Gott ist grösser als die Bomben» reagiert.

Am Freitagmorgen hatte das staatliche Fernsehen Bilder von Ghadhafi-Anhängern gebracht, die im Triumph durch Ras Lanuf zogen. Die angegriffene Moral der unorganisierten Rebellen schien fast vollständig zusammenzubrechen, als einige Gruppen von Kämpfern unabsichtlich das Feuer aufeinander eröffneten.

Ghadhafi nutzt Propaganda

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Religiöse Parteien bleiben ausgeschlossen, die Justiz wird wieder stärker – wie die Ägypter ihre Verfassung auf die Wahl vorbereiten.

Während Libyen im Bürgerkrieg zu versinken droht, versucht Ägypten den politischen Übergang zu einem demokratischen System voranzutreiben. Am Sonnabend begann der Prozess gegen den ehemaligen Innenminister Habib al-Adli, der noch vor wenigen Wochen auf Demonstranten schießen ließ. In Häftlingskleidung erschien der einst mächtige Herrscher über die Polizei und die Sicherheitskräfte vor Gericht – auch wenn es zunächst nur um den Vorwurf der Korruption geht. Die Bilder von al-Adli in Häftlingskleidung sollen der ungeduldigen Bevölkerung zeigen, dass der Umbruch weiter geht und nicht mit dem Abgang von Mubarak beendet ist. Dass das Volk sich mit solchen symbolstarken Bildern nicht abspeisen lässt, hat es mit seinen andauernden Demonstrationen gegen den Regierungschef, der noch vom gestürzten Ex-Präsidenten Hosni Mubarak eingesetzt worden war, bewiesen.

Am Donnerstag musste Ministerpräsident Ahmed Shafik, ein Vertreter der alten Garde, das Handtuch werfen. Die Militärs übergaben das Amt an den als integer bekannten Essam Sharif, der am Freitag auf dem Tahrir-Platz bejubelt wurde. Sharif betonte, dass er seine Legitimation den Demonstranten verdanke und ihre Forderungen durchsetzen werde.

Die wollen mehr: Mehrere hundert Demonstranten stürmten in der Nacht zum Samstag das Hauptquartier des Geheimdienstes in der Hafenstadt Alexandria, und in Kairo versammelten sich am Samstag aufgebrachte Menschen vor einer Geheimdienstzentrale im Bezirk Scheich Sajid. Dort waren vorher schwarze Rauchwolken aufgestiegen, was die Protestierenden als Anzeichen für die Vernichtung von Akten deuteten.

Beim Umbau des Systems geht es schnell voran. Innerhalb von nur zehn Tagen hat ein Komitee unter der Leitung des anerkannten und unabhängigen Richters Tarek el-Bishri die Verfassung so umgearbeitet, dass sie demokratische Wahlen und demokratische Verhältnisse ermöglichen soll. Schon am 19. März sollen die Ägypter über diese Verfassungsänderungen abstimmen.

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Der Osten scheint fest in der Hand der Aufständischen zu sein, aber ein Sturz von Gaddafi ist nicht in Sicht, während die Flüchtlingsströme anwachsen.

Gestern hatte man bereits den Eindruck erhalten können, als würde Gaddafi doch schnell wieder das Blatt umkehren und die Aufständischen mit einer militärischen Übermacht von Kampfflugzeugen, Elitebrigaden und Söldnern niederschlagen können. So ließ das staatliche libysche Fernsehen, in dem auch eine fast 3stündige Rede des "Revolutionsführers" ausgestrahlt wurde, verkünden, dass die für den Ölexport wichtige Hafenstadt Brega im Osten Libyens bereits wieder eingenommen werden konnte.

Das erwies sich jedoch als Propaganda. Die Aufständischen konnten die Gaddafi-loyalen Truppen, es soll sich weitgehend um ein paar hundert Söldner gehandelt haben, wieder vertreiben (Videos von Brega hier). Unklar ist, so berichtet ein BBC-Korrespondent, der sich in der Stadt aufhält, ob der Widerstand zu stark war oder ob den Angreifern die Munition ausgegangen ist. Auch die Bombardierung scheint eher harmloser Natur gewesen zu sein. Ein Flugzeug soll eine Bombe abgeworfen haben – im Sand, ohne Schaden anzurichten. Nach ersten Angaben sollen 14 Menschen getötet worden sein.

Vermutlich dürften die Söldner Gaddafis nur bedingt ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn keineswegs gewiss ist, wer als Gewinner aus dem Kampf um die Vorherrschaft in Libyen herauskommt. Die Elitetruppen will er nicht schicken, was heißen könnte, dass er sonst seine Sicherheit in Tripolis gefährdet sieht oder dass er fürchtet, sie könnten sich im Kampf gegen ihre Mitbürger vielleicht doch gegen ihn wenden.

Offenbar wurden die Menschen in Brega auch von Aufständischen aus Bengasi und Ajdabiya unterstützt, die zu Hilfe eilten. Die militärische Macht von Gaddafi scheint in den Osten des Landes nicht mehr zu reichen. Er versucht, die Menschen durch Drohungen und Versprechungen gefügig zu machen, beispielsweise versprach man im Staatssender, dass jeder Libyer im Land pro Monat mit 400 US-Dollar Unterstützung rechnen könne.

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Wer hierher kam, kehrte selten zurück: Das Sicherheitsquartier im libyschen Benghasi war der Inbegriff von Terror. Martin Gehlen über die verzweifelte Suche nach Überlebenden.

Aufgebracht gestikulieren die Menschen und fuchteln mit ihren Schaufeln. Inmitten der Menge heult erneut der Dieselmotor auf. Wie ein Rieseninsekt wankt ein gelber hydraulischer Bagger nach vorne, die beiden Kopflampen werfen ein zitterndes Licht in die Nacht. Die Schaufel mit ihren Metallzähnen bohrt sich in den roten, lehmigen Boden.

Hierhin, genau an diesen Ort, sollen gefesselte Menschen gebracht worden sein, sagen die Leute.

In den beiden Tagen zuvor hatten sie in der Nähe bereits unterirdische Verliese mit Eingesperrten gefunden, in einem zwei, in einem anderen sechs und in dem größten 40 Gefangene, von denen drei gestorben waren.

Einige der Geretteten sollen mehr als fünf Jahre lang unter dem Erdboden gefangen gewesen sein, berichten die Menschen bebend vor Empörung.

Die Erde riecht frisch, plötzlich kracht und splittert es. Der Bagger ist gegen die Kante einer Betondecke geknallt. Hastig kratzen Helfer etwas von der Fläche frei. Ruhe, Ruhe, heißt es dann. Gebannt verstummt die Menge für einen Moment. Selbst der Baggerfahrer schaltet den Motor ab, hinter ihm kreist nur noch stumm das Blaulicht eines herbeigerufenen Krankenwagens. Mit Spitzhacke und Vorschlaghammer hacken die Retter ein erstes Loch in die unterirdische Mauer aus grauen Leichtziegeln, sie rufen in die Öffnung und leuchten mit Taschenlampen hinein. Aber: nichts

Das kleine Verlies ist leer. Es hat keine Tür, nur Wände ringsherum und oben an der Decke ein weißes Luftrohr. Schnell geschlagene Gucklöcher führen zu weiteren Erdzellen, ebenfalls ohne Tür und ebenfalls leer. An einer Ecke des unterirdischen Gefängnisses finden die Helfer schließlich die Öffnung. Es ist eine kleine Betonklappe. Hier sollten die Menschen offenbar nach unten gestoßen und anschließend in ihre neu gebauten Särge mit Luftrohr eingemauert werden.

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Benghazi soll völlig dem Einfluss des Gaddafi-Clans entzogen sein. Verlässliche Informationen sind zwar rar, Momentaufnahmen dieses Aufstandes aber sehr wohl möglich.

Im Nervenzentrum der Revolution herrscht Anspannung, auch im Gericht von Benghazi, wo sich Anwälte, Ärzte, Chirurgen und Ingenieure aufhalten, um ein despotisches Joch von sich zu werfen. „Vor einer Woche haben wir uns entschlossen, für unsere Rechte zu demonstrieren. Aus dem Protest wurde eine Revolution. Damit haben wir keine Erfahrung“, sagt eine Anwältin.

Um sie herum schwirren Menschen mit Mobiltelefonen und wichtigen Neuigkeiten aus anderen Landesteilen. Die Stadt Zawya sei gerade gefallen, ruft ein herbeigeeilter Bote. Wenig später heißt es, die auf der Hälfte der Strecke nach Tripolis gelegene Stadt Masrat befinde sich ebenfalls in der Hand der Rebellen, schließlich auch die drei größten Ölfelder im Benghazi – die Ereignisse überstürzten sich.

Eine Art Barbarei

„Wir stehen unter einem enormen Druck“, berichtet die Anwältin weiter. „Wir machen uns Sorgen um Tripolis, um die Versorgung mit Nahrung und anderen Dingen. Alles muss koordiniert werden.“ Ihr Kollege Amal Bagaigis stimmt ihr zu. „Anfangs waren wir nur Anwälte, die ihre Rechte einfordern wollten. Nun sind wir Revolutionäre. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. 42 Jahre herrschte hier eine Art Barbarei. Jetzt wollen wir leben.“

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