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»Frauenverachtung ist tief in türkischer Gesellschaft verankert«

Gespräch mit Dersim Dagdeviren. Über die reaktionäre Politik der AKP, die Möglichkeit zum Widerstand und die Bedeutung von symbolischen Handlungen

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Trotz der Repression regt sich Widerstand gegen die türkische Regierung, so auch hier in einem Stadtteil Istanbuls (18. April 2017)

Dersim Dagdeviren … ist Vorsitzende von Kurd Akad, einem Netzwerk kurdischer Akademikerinnen und Akademiker. Sie ist zudem Vorstandsmitglied der EU Turkey Civic Commission (EUTCC), Ärztin und Vorstandsmitglied des Marburger Bundes

Per Referendum baute der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den Staat um und seine Macht aus. Als nächstes will er die Todesstrafe wiedereinführen. Neben diesem und ähnlichen drastischen Vorhaben betreibt Erdogan auch eine gegen die Frauen des Landes gerichtete Politik. Sie aber wird nur selten thematisiert. Welche Rückschritte drohen in diesem Bereich?

Zunächst: Die ganzen Rückschritte sind nicht etwa das Ergebnis des Putschversuches vom 15. Juli 2016. Schon 1998, als Bürgermeister von Istanbul, erklärte Erdogan, dass die Demokratie nur der Zug sei, auf den er und seine Mitstreiter aufsteigen würden – bis sie »am Ziel« seien. Er sagte auch: »Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette und die Gläubigen unsere Soldaten.« Erdogan stand nie für die Rechte der Frauen ein. Das gilt, obwohl er einige Verbesserungen durchgesetzt haben mag. Der Anstieg der Morde an Frauen ist auf seine Politik zurückzuführen. Amnesty International hat die Gewalt gegen Frauen in der Türkei als endemisch bezeichnet und aufgezeigt, wie tief die Frauenverachtung in der türkischen Gesellschaft verankert ist. Nicht nur im aus Sicht der AKP-Regierung unterentwickelten Südosten des Landes, sondern ebenso in Städten der westlichen Türkei. Die Frau wurde immer als Besitz des Mannes betrachtet. 2010 bis 2015 wurden in der Türkei 1.134 Frauen ermordet, die Hälfte der Taten wurde von Ehemännern oder Exgatten verübt. Jedes fünfte Opfer wurde wegen eines Trennungswunsches getötet. Als Erdogan 2002 an die Macht kam, lag die Zahl der so zu Tode gekommenen Frauen noch knapp unter 100 pro Jahr. Das drastische Anwachsen der Zahlen mag auch damit begründet sein, dass sich mittlerweile mehr Frauen trauen, über die Gewalttaten zu reden und sie anzuzeigen.

Was hat sich im alltäglichen Leben für Frauen verändert?

Verhütung bezeichnete Erdogan als Betrug an der türkischen Nation. Gottes Werk dürfe nicht beeinflusst werden, das laufe der muslimischen Tradition zuwider. Familienplanung passt Erdogan und seiner erzreaktionären, vom Islam beeinflussten Gefolgschaft gar nicht. Er bezieht sich immer wieder auf Religion, Gott und den Propheten. Abtreibung beurteilt er als Mord, er will sie ab der vierten oder fünften Schwangerschaftswoche nicht mehr erlauben. Das käme einem Abtreibungsverbot gleich, denn meist erfahren Frauen erst in den Wochen danach von ihrer Schwangerschaft. Das Vorhaben war zunächst nicht durchsetzbar, die zehnte Woche als Abtreibungsgrenze blieb also bestehen. Nun hat Erdogan an Macht gewonnen, er wird also weiterhin versuchen, die Verschlechterung gesetzlich zu verankern.

Erdogan versucht generell das »Muttersein« aufzuwerten. »Man küsst die Füße der Mütter, um den Duft des Paradieses zu finden«, sagte er. Seine negative Haltung zur Familienplanung ist nicht nur islamisch-konservativ motiviert. Er sorgt sich aufgrund der demographischen Verschiebung in der Türkei: Im Westen liegt die Geburtenrate bei 1,5 Kindern pro Frau, im kurdisch dominierten Südosten jedoch bei 3,5. Derzeit machen Kurden etwa 35 Prozent der Bevölkerung in der Türkei aus. Erdogan fordert deshalb Frauen dazu auf, drei Kinder zu bekommen, besser aber fünf. Er selber hat vier Kinder. Er will, dass die türkische Bevölkerung bis 2023 auf 90 Millionen anwächst.

Wie steht es um Chancengleichheit bei Bildung und Beruf?

Fehlende Chancengleichheit ist in der Türkei politisch gewollt. Erdogan sieht die Gleichstellung von Mann und Frau als widernatürlich an. Kritische Journalistinnen, die seine Person und seine Ideologie in Frage stellen, hat er aufgefordert, »ihren Platz zu kennen«. Sie sollten wissen, so Erdogan, dass sie nicht im Journalismus tätig sein sollen. Von vier Millionen Analphabeten in der Türkei sind 80 Prozent Frauen, möglicherweise liegt der Anteil sogar darüber. In den Führungsetagen von Wirtschaftsunternehmen ist kaum eine Frau zu finden, wobei das in Deutschland auch nicht viel besser ist. Frauen mit Kopftuch hatten früher keinen Zugang zu Universitäten und in Unternehmen keine Chance. Das Kopftuchverbot ist zwar mittlerweile aufgehoben, weil Erdogan die Islamisierung des Landes vorantreibt. Ansonsten wird die Frau nach wie vor als Mensch zweiter Klasse betrachtet.

Welche Rolle spielt die Präsidentengattin Emine Erdogan?

Sie ist arabischer Herkunft, kommt aus der Stadt Siirt im Südosten der Türkei. Sie soll angeblich eine Kunstschule besucht haben. Ob sie die Ausbildung abgeschlossen hat, ist aber unklar. Nach Aussagen ihres Bruders soll ihre Familie sie zunächst zum Tragen des Kopftuches gezwungen haben. Sie war Mitglied in der islamischen Frauenvereinigung »Idealist Kadinlar Birligi« und lernte Erdogan auf einer Konferenz kennen. 1978 heirateten die beiden. Ihr Engagement in der Organisation hat Erdogan zum Amt des Oberbürgermeisters von Istanbul verholfen. Hayrünnisa Gül, die Gattin des elften Staatspräsidenten Abdullah Gül, der von 2007 bis 2014 regierte, und Emine Erdogan haben die Islamisierung der Frau vorangetrieben: Sie haben das Kopftuch zum identitären Symbol gemacht. Zuvor hat es keine Präsidentengattin getragen. Legendär ist Emine Erdogans Lobpreisung auf den Harem. Sie bezeichnete ihn als Institution der osmanischen Dynastie; als eine Lehreinrichtung, in der Frauen auf das Leben vorbereitet werden. Sie würden dort zum Beispiel in Literatur ausgebildet. Ich wüsste nicht, dass je Bücher in einen Harem gelangt wären.

Wie kommt es, dass viele Frauen in der Türkei für Erdogan stimmen?

Das hat sicher damit zu tun, dass sie kaum Bildungschancen haben. Kopftuch tragende Frauen – und sie sind die Mehrheit der Frauen in der Türkei – waren aus der Gesellschaft weitgehend ausgeschlossen. Solange sie zu Hause waren oder in miesen Arbeitsverhältnissen steckten, wurden sie kaum wahrgenommen. Nachdem aber die Gattinnen der Staatspräsidenten derart auftraten, wurden sie sichtbar. Macht haben sie nur begrenzt, zuletzt bestimmen noch immer die Männer. Die Politik bleibt den Frauen vorenthalten. Nur 31 von 258 AKP-Abgeordneten sind weiblich, bei der sozialdemokratischen CHP sind es 17 von 134, bei der faschistischen MHP vier von 40. Bei der linken Oppositionspartei HDP dagegen sind von 50 Abgeordneten 24 Frauen.

Wieso leisten in Deutschland lebende Frauen Erdogan getreue Gefolgschaft?

Oft wird als Grund dafür gescheiterte Integration genannt. Man muss sich aber fragen, wie sich die Gesellschaft gegenüber der türkischen Community verhalten hat. Die ethnisch-religiöse Identität und der niedrige Bildungsstand bei diesen Migrantinnen und Migranten müssen genauer in den Blick genommen werden. Erdogan verfügt mit den Moscheen in Deutschland und der »Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion«, DITIB, die von der Bundesregierung gefördert wird, über einen Propagandaapparat für sein islamisches System und für seine AKP. Vor allem für jene Türken, die im vergangenen Sommer hierzulande für die Wiedereinführung der Todesstrafe auf die Straße gingen, ist Erdogan das allmächtige Staatsoberhaupt, das der ganzen Welt trotzt. Etwa wenn er sich auf die Bühne stellt und fragt: »Hey Amerika, hey Deutschland, für wen haltet ihr euch eigentlich?« Wer in diesen Ländern das Gefühl hat, als Mensch zweiter Klasse zu gelten, wird von solchen Reden angezogen.

Können die Frauen besser den Widerstand gegen Erdogan organisieren als die Männer?

Die Frauen in der Türkei könnten die letzte Bastion der Hoffnung auf eine demokratischen Wende sein. Das hat sich in diesem Jahr am 8. März gezeigt. Zehntausende waren am Internationalen Frauentag in Istanbul, Ankara und anderen türkischen Großstädten im Aufstand. Allein im vom türkischen Militär nahezu gänzlich zerstörten Cizre, wo nur noch wenige zehntausend Einwohner verblieben sind, waren 10.000 auf der Straße. Die staatliche Repression im Westen der Türkei war da bereits im Gange, der Kriegszustand in Kurdistan verhängt, ganze Stadtviertel machte man dem Erdboden gleich. Täglich wurden Aktivistinnen und Aktivisten verhaftet. Fast 400 Organisationen sind verboten, darunter Frauenverbände. Vor dem Referendum hatte der Staat, getrieben von Angst vor einem möglichen Nein der Bevölkerung, mit aller Gewalt zugeschlagen.

Wie ist zu erklären, dass trotz der weitgehend gleichgeschalteten Medien Menschen protestierten?

Die Basisarbeit in den Stadtvierteln war effektiv, Frauen informierten einander in ihren Organisationen, Flugblätter wurden verteilt. In Erdogan gegenüber treuen Medien kam all das nur als diffamierende Randnotiz vor. Wie üblich gab es Überschriften wie »Wieder Terror am Werk«. Gerade weil Frauen gemeinhin unterschätzt werden, organisieren sie sich vermehrt. So ist auch zu erklären, dass die HDP Frauenquoten eingeführt hat, eine paritätische Besetzung mit Doppelspitzen bei Bürgermeisterposten etc. Keine andere Partei hat die Emanzipation der Frau so vorangetrieben.

Werden die Geschichten mutiger Frauen zuwenig bekannt? Etwa die von Ayse Deniz Karacagil, dem Mädchen mit dem roten Schal, das vor vier Jahren bei den Gezi-Park-Protesten dabeiwar. Ihr drohten fast 100 Jahre Haft. Das Tragen des Schals war als Bekenntnis zum Sozialismus ausgelegt worden. Sie floh aus der Türkei, schloss sich dem kurdischen Kampf gegen den IS an – und starb dabei.

Die erwähnte junge Frau ist zum Symbol des Widerstandes geworden. Schon vor den Gezi-Park-Protesten gab es insbesondere in den kurdischen Gebieten Proteste gegen das autokratische Staatswesen in der Türkei. Viele Frauen sind im Kampf gegen den IS gestorben. Ihre Biographien verweisen auf langanhaltende Frauenunterdrückung sowie auch auf den kraftvollen Kampf dagegen.

Welche Möglichkeiten zur Gegenwehr haben türkische und kurdische linke Frauen?

Jedes fortschrittliche gesellschaftliche Engagement ist der Repression ausgesetzt. Frauen haben aber Zeichen gesetzt, haben sich nicht einschüchtern lassen. Die 35jährige Literaturwissenschaftlerin Nuriye Gülmen aus Konya in Zentralanatolien befindet sich etwa seit mehr als zwei Monaten im Hungerstreik. Sie wehrt sich gegen die Massenentlassungen von Akademikern aus dem öffentlichen Dienst und gegen den Verlust ihres Jobs an der Universität im Zuge einer »Säuberungsaktion« der Regierung. Dann wurde sie inhaftiert. Der Staat hat besondere Druckmechanismen gegenüber Frauen: Sexuelle Belästigung und spezifische auf die Frau abgestimmte Foltermethoden gehören dazu. Vergewaltigungen waren Teil der Kriegführung des türkischen Staates gegen kurdische Frauen.

Haben Frauenorganisationen, -versammlungen und -räte noch Aktionsmöglichkeiten?

Die AKP kann Frauen einsperren, ihre vielfältigen kulturellen und politischen Bildungsinstitutionen und Organisationen verbieten, Gebäude beschlagnahmen. Durch ihre Militäroffensive Mitte 2015 und Anfang 2016 hat sie etwa 750.000 Binnenflüchtlinge geschaffen, darunter viele Frauen und Kinder. Sie kann die paritätische Besetzung in den Kommunen abschaffen. Durch das Absetzen der demokratisch gewählten Bürgermeisterinnen und Bürgermeister und durch die Einsetzung von Zwangsverwaltern in kurdischen Regionen gab es Fluchtbewegungen. In den vergangenen Jahren hat aber ein grundlegender Wandel im Denken der Frauen stattgefunden. Das kann Erdogan nicht verhindern.

Ist die Emanzipationsbewegung kurdischer Frauen inspiriert von Abdullah Öcalans Philosophien?

Die kurdische Frauenbewegung hat die gegenwärtig einzige eigene Armee von Frauen weltweit hervorgebracht: zu ihrer Selbstverteidigung. Die starke Organisation der kurdischen Frauen in der Türkei und in Europa ist eng mit der kurdischen Befreiungsbewegung verknüpft und damit auch mit der Lehre Öcalans, der sie anführt. Dieser Lehre zufolge ist die Freiheit der Frau eng verknüpft mit der Freiheit der gesamten Gesellschaft, ist sogar Maß für deren Entwicklungsstand.

Ist die kurdische Frauenbewegung durch die Zerstörungen im Südosten der Türkei geschwächt?

Häuser in Diyarbakir und Cizre wurden beschlagnahmt. Dort sollen Massenbausiedlungen für staatstreue Leute entstehen. Kurdinnen kennen »Ausnahmezustände« seit Jahrzehnten. Von einer Schwächung kann keine Rede sein. Sie organisieren sich weiterhin in Frauenräten, auch wenn deren Dachverband verboten wurde.

Wie sind sie von Deutschland aus zu unterstützen?

Es gilt, auf die Lage der Frauen in der Türkei aufmerksam zu machen, Sensibilität in der Öffentlichkeit dafür zu erreichen. Bislang senden die großen Verbände und Parteien in Deutschland noch nicht solche Signale. Kleinere Organisationen, etwa der Frauenverband Courage, stehen bereits Seite an Seite mit kurdischen und demokratischen, linken Frauen. Delegationen in die Türkei zu entsenden kann zeigen: Wir nehmen wahr, was bei euch passiert. All das hat mehr symbolischen Charakter, kann aber den Menschen dort Kraft für ihren Einsatz für die Demokratie geben.

Hilft der Beschluss, die Bundeswehr vom Stützpunkt in Incirlik abzuziehen?

Die Bundesregierung zieht stets neue rote Linien; aber nur verbal, ohne sie einzuhalten. Dass Parlamentarier den Stützpunkt nicht besuchen dürfen, ist nicht neu. Sanktioniert wird das nicht. Wir wissen um die engen Verflechtungen Deutschlands und der Türkei. Deutsche Firmen gehören zu den größten Investoren in der Türkei: Dieses komplexe System von wirtschaftlichen und politischen Verknüpfungen muss analysiert und überprüft werden. Bislang hat Merkel mit Ihrer Politik maßgeblich dazu beigetragen, dass die Türkei den heutigen Stand überhaupt erreichen konnte. Vor der Parlamentswahl 2015 ist sie zu Erdogan gereist und hat ihm Wahlhilfe geleistet. Sie hat den Flüchtlingsdeal ausgehandelt und Erdogans AKP stabilisiert. Dies war ihr wichtiger, als die Menschenrechtsverletzungen zu beenden. Jetzt zeigt Erdogan ihr die kalte Schulter. Zugleich werden kritische Stimmen in der deutschen Gesellschaft lauter. Wenn Merkel jetzt nicht konsequent Zeichen in Richtung Türkei setzt, gilt dies auch hierzulande als Schwäche.

Was erwarten Sie von der Bundesregierung?

Deutschland muss die Türkei wirtschaftlich sanktionieren, denn deren Aufschwung steht auf wackligen Füßen. Bei den EU-Beitrittshilfen sind weitere Streichungen vorzunehmen. Der Waffenhandel mit der Türkei ist einzustellen, gerade weil die Türkei auch mit deutschen Waffen Krieg gegen die eigene Bevölkerung führt. Es dürfen keinerlei wirtschaftliche Hilfen mehr für die Flüchtlinge in die Türkei fließen – diese Gelder sollten besser den Vereinten Nationen und internationalen Hilfsorganisationen zugute kommen. Freilich sind weiterhin Gespräche mit der Türkei zu führen, dabei müssen aber klarere Worte fallen als bisher. Quelle

Interview: Gitta Düperthal

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