In der Türkei werden Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit beschnitten, Erdoğan-Kritiker werden entlassen und verhaftet. Für unabhängige Medien wird es immer schwieriger, darüber zu berichten, weil ihre Mitarbeiter in Gefängnissen auf ihre Anklageschrift warten und die Zivilgesellschaft durch den Ausnahmezustand ohnmächtig geworden ist – das Land verabschiedet sich von der Demokratie. Zumindest auf den ersten Blick. Denn während all das passiert, kämpfen sie unermüdlich weiter: die Frauen in der Türkei. Sie trotzen den staatlichen Repressionen und überwinden die tiefe Polarisierung in der Gesellschaft, sie kämpfen öffentlich für ein selbstbestimmtes und freies Leben.

Trotz des verschärften Demonstrationsrechts gehen sie auf die Straße, mit Erfolg. Ein Gesetz, das Kinderehen legalisiert hätte und dafür gesorgt hätte, dass sexuelle Übergriffe ohne Strafe bleiben, wurde zurückgezogen. Und jetzt demonstrieren türkische Frauen mit der Kampagne #KiyafetimeKarisma (#MischDichNichtInMeineKleidungEin) gegen alltägliche Angriffe aufgrund ihrer Kleiderwahl. Vergangenen Samstag versammelten sich Hunderte Frauen auf dem asiatischen Teil Istanbuls in Kadıköy, um für das Recht auf freie Kleiderwahl zu demonstrieren. "Jetzt reicht es", war die Botschaft. Ob Minirock oder Kopftuch – sie wollen nicht mehr in der Öffentlichkeit beleidigt oder angegriffen werden. "Wir werden uns nicht beugen, nicht schweigen und nicht beängstigen. Wir werden durch Widerstand gewinnen", rief die Menge. Die Proteste werden weitergehen, im August in İzmir und Ankara.

Frauen kämpfen für mehr als Frauenrechte

Ihnen geht es nicht allein um die Gewalt gegen Frauen, die in der Türkei stetig zunimmt. Sie prangern den politischen Kontext an, unter dem die gesamte Gesellschaft leidet und der das Klima schafft, in dem Frauen zu Opfern von Angriffen werden. Denn wenn Stück für Stück die demokratischen Freiheiten und Rechte beschnitten und fortwährend Menschenrechte verletzt werden, trifft das immer auch die Frauen. Eine feindselige Haltung gegenüber Frauen, Minderheiten und Andersdenkenden dringt tiefer und tiefer ein in den türkischen Alltag. Aber immer lauter und klarer formulieren die Frauen in der Türkei ihre Forderung für eine demokratische und offene Gesellschaft.

Dabei solidarisieren sich Frauen verschiedener Couleurs und zeigen: Trotz allem ist in der Türkei eine pluralistische Gesellschaft möglich. Eine Türkei, in der man sich für das Recht des Andersdenkenden einsetzen kann. Eine Gesellschaft, in der sich nicht Säkulare und Religiöse, Kurden und Türken, Aleviten und Sunniten feindselig gegenüberstehen. Die Frauen sind Leuchttürme für die Demokratie in der Dunkelheit von Erdoğans Türkei.

Als Frau lebt es sich gefährlich in der Türkei. Die Gewalt nimmt zu. Laut der türkischen Plattform Wir werden Frauenmorde stoppen wurden allein im letzten Jahr 328 Frauen umgebracht. Fast die Hälfte davon von ihren Partnern oder Familienangehörigen. Meistens, weil sie sich gegen patriarchalische Normen gewehrt haben und sich von ihren Männern trennen und ein selbstbestimmtes Leben führen wollten. Sie wurden zu Opfern, weil sie nicht länger Opfer bleiben wollten. Sie haben mit ihrem Leben für den Versuch bezahlt, ein freies Leben führen zu können.

Die frauendiskriminierende Rhetorik einiger Politiker zementiert die überholten Geschlechterrollen: "Eine Frau, die das Muttersein ablehnt, die sich nicht um ihren Haushalt kümmert, ist nur zur Hälfte eine Frau", sagte Staatspräsident Erdoğan letzten Sommer.

Die Frau auf ihre Funktion als Mutter und Ehefrau zu reduzieren, sie patriarchalischen Normen zu unterwerfen und nicht als selbstbestimmtes Individuum zu betrachten, führt zu der Vorstellung, dass sie nicht über sich selbst entscheiden darf, dass ihr Körper der Familie und der Gesellschaft gehört. Ihr Verhalten bis hin zu ihrer Kleidung wird kollektiv kontrolliert und bei Fehlverhalten gegen moralische Sitten und Normen auch mit Gewalt sanktioniert.

Der Protest der Frauen bekommt Futter aus dem Alltag. Es sind verstörende Bilder, die während des islamischen Fastenmonats durch die sozialen Medien und Nachrichtenportale gingen: Ein Mann, der hinter einer türkischen 21-jährigen Frau in einem Omnibus im konservativen Istanbuler Stadtteil Pendik sitzt, gibt ihr beim Aussteigen eine Ohrfeige und ruft "Was ist das für eine Kleidung? Wie kann man sich an Ramadan so anziehen? Schämst du dich nicht, dich so zu kleiden?" Als sich die junge Psychologiestudentin wehrt, beschimpft der Mann sie als "ehrlose Hure" und schlägt ihr ins Gesicht. Sowohl die Passagiere als auch der Fahrer schauen nur zu, niemand greift ein.

Die frauendiskriminierende Rhetorik einiger Politiker zementiert die überholten Geschlechterrollen: "Eine Frau, die das Muttersein ablehnt, die sich nicht um ihren Haushalt kümmert, ist nur zur Hälfte eine Frau", sagte Staatspräsident Erdoğan letzten Sommer.

Die Frau auf ihre Funktion als Mutter und Ehefrau zu reduzieren, sie patriarchalischen Normen zu unterwerfen und nicht als selbstbestimmtes Individuum zu betrachten, führt zu der Vorstellung, dass sie nicht über sich selbst entscheiden darf, dass ihr Körper der Familie und der Gesellschaft gehört. Ihr Verhalten bis hin zu ihrer Kleidung wird kollektiv kontrolliert und bei Fehlverhalten gegen moralische Sitten und Normen auch mit Gewalt sanktioniert.

Der Protest der Frauen bekommt Futter aus dem Alltag. Es sind verstörende Bilder, die während des islamischen Fastenmonats durch die sozialen Medien und Nachrichtenportale gingen: Ein Mann, der hinter einer türkischen 21-jährigen Frau in einem Omnibus im konservativen Istanbuler Stadtteil Pendik sitzt, gibt ihr beim Aussteigen eine Ohrfeige und ruft "Was ist das für eine Kleidung? Wie kann man sich an Ramadan so anziehen? Schämst du dich nicht, dich so zu kleiden?" Als sich die junge Psychologiestudentin wehrt, beschimpft der Mann sie als "ehrlose Hure" und schlägt ihr ins Gesicht. Sowohl die Passagiere als auch der Fahrer schauen nur zu, niemand greift ein.

"Das ist unsere Entscheidung!"

Ein Tweet einer jungen Frau mit Kopftuch wurde über 23.000 Mal retweetet und über 84.000 Mal gelikt: "Nur weil ich Kopftuch trage, bin ich nicht fanatisch oder rückständig! Und mein Mitmensch ist mit Minirock keine Schlampe und ehrenlos! Das ist unsere Entscheidung!" Das Statement ziert ein Bild von zwei schwangeren lachenden Frauen  – eine mit und die andere ohne Kopftuch.

Eine Anspielung auf die Aussagen von AKP-Politikern, Frauen sollten in der Öffentlichkeit nicht laut lachen und schwangere Frauen gar nicht erst auf die Straße gehen.

Es ist der gemeinsame Weg, den die Frauen in der Türkei einschlagen, weil sie ein gemeinsames Schicksal in einer immer männlichen, autoritären politischen Kultur teilen.

Zusammen wollen sie gegen die politische und gesellschaftliche Einmischung in ihr Leben demonstrieren. Die Einigkeit ist neu. Noch vor wenigen Jahren protestierten Frauen mit Kopftuch gegen das von Laizisten befürwortete Kopftuchverbot an Universitäten. Verhüllte Studentinnen ketteten sich an die Tore der Hochschulen.

Feminismus hat in der Türkei Tradition

Türkische Feministinnen haben immer unter schwierigen politischen Verhältnissen erfolgreich gesellschaftliche Tabus aufgebrochen und ihre Forderungen durchgeboxt.

Es waren die Frauen im Osmanischen Reich, die Ende des 19. Jahrhunderts in Frauenzeitschriften ihre Meinung zu aktuellen politischen Themen äußerten und ihre Rechte einforderten. Der Zugang zu Bildung, die Abschaffung arrangierter Ehen und schließlich das Wahlrecht waren zentrale Themen von über 40 Frauenzeitschriften. Mit dem Zerfall der konstitutionellen Monarchie und der Gründung der modernen Türkei stand die Emanzipation der Frau wieder oben auf der politischen Agenda der revolutionären Türken. Sie wollten nicht nur einen modernen Nationalstaat, sondern auch eine aufgeklärte Gesellschaft.

Nach der Gründung der modernen Türkei waren Frauen zwar auf dem Papier gleichberechtigt. Die Polygamie war zwar abgeschafft und die Frauen bekamen das Wahlrecht. Doch den Feministinnen reichte das nicht. Das Zivilgesetzbuch diskriminierte sie weiterhin. Der Mann galt als Familienoberhaupt und hatte damit alle Entscheidungsgewalt über die Kinder. Im Strafrecht wurde sexuelle Gewalt gegen Frauen vorrangig als ein Verbrechen gegen die Moral der türkischen Gesellschaft gesehen – nicht als Verbrechen an Frauen. Frauen protestierten und sie hatten Erfolg. Artikel, die Gewalt legitimieren, wurden aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Selbst unter der AKP, die mittlerweile für den reaktionären Rollback verantwortlich ist, konnten Feministinnen in der Türkei ihre Rechte verbessern. Das war damals als Erdoğans Partei noch ein klares Bekenntnis zu europäischen Werten vertrat. Heute erleben sie, wie ihre Errungenschaften zusammen mit der türkischen Demokratie Schritt für Schritt verloren gehen. Aber sie schauen nicht tatenlos dabei zu.

Gemeinsam haben Frauenorganisationen unter dem Schlachtruf "Ein Mann – ein Regime" gegen Erdoğans Präsidialreform gekämpft. Feministinnen in der Türkei bremsen, wo sie können, das Bestreben der Regierungspartei, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu islamisieren. Die AKP will, dass Geistliche Trauungen schließen können. Das könnte Polygamie, Zwangsheirat und Kinderehen legalisieren. Und es spaltet die türkischen Frauen entlang religiöser Grenzen.

Wer glaubt, die Türkei habe ihre Demokratie verloren, der irrt sich. Noch nie waren die staatlichen Repressionen so stark wie heute. Aber der Widerstand war noch nie so breit, noch nie haben so viele Menschen aus so vielen gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam demonstriert. Die immerhin Hälfte der Türken hat gegen den Umbau zum Präsidialstaat gestimmt, sie kamen aus allen politischen und weltanschaulichen Gruppen. Frauen sind die Spitze dieses Trends. Sie könnte schaffen, was bislang nicht gelang: die Spaltung der Gesellschaft überwinden und einen neuen Bürgersinn schaffen. Ein Sinn für Respekt, Rechte und Pflichten jedes Einzelnen – unabhängig davon, ob er Mann oder Frau, kurdisch oder türkisch, religiös oder säkular ist. Die jüngsten Repressionen könnten ein Katalysator für einen gemeinsamen Kampf für Frauenrechte, Demokratie und eine offene Gesellschaft sein. Tapfere Kämpferinnen hat das Land bereits. Quelle