Gegen den Strom

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

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In Aleppo beseitigen Bewohner Schäden des Krieges. Sie wollen an früheren Wohlstand anknüpfen

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Ein Junge hilft beim Wiederaufbau von zerstörten Häusern in Aleppo (24.6.2017)  Foto: Simon Kremer/dpa

Man tut, was man kann in Aleppo. Weil das Elektrizitätswerk im Osten der Stadt von den bewaffneten Gruppen zerstört wurde, wird in den Vierteln Strom aus Generatoren geliefert. Entlang mancher Straßen sind die Lampen mit Solaranlagen versehen, an Kreuzungen, Kreisverkehren und in Parks stehen kleine Türme, auf denen diese kunstvoll als Blüten oder Mosaike angeordnet sind. Das Modell könnte Schule machen, denn es fehlt Syrien an den notwendigen Mitteln, um die Infrastruktur rasch wieder aufzubauen. Fast alles ist beschädigt – kaum etwas ist vom Krieg verschont geblieben, der sechs Jahre lang Angst und Schrecken verbreitete.

Auf der 59. Internationalen Messe, die am vergangenen Wochenende in Damaskus nach einem Rekordbesuch von 2,2 Millionen Menschen zu Ende ging, wurden Verträge mit Russland, Iran, China, Indien und anderen Ländern über Wiederaufbauprojekte abgeschlossen. Doch die Menschen wollen und können nicht warten und kehren bereits in ihre zerstörten Häuser und Wohnungen zurück.

In Khallaseh, ein Viertel das sich südlich des Antakya-Tors erstreckt, gibt es entlang der Hauptstraße kaum ein Haus, das unbeschädigt geblieben ist. Der Händler Mohammed Hassan sitzt mit einem Nachbarn vor seinem Laden, in dem er Haushalts- und Küchengeräte, Plastikkörbe, Geschirr und Besen anbietet. Ruhig beobachten die beiden Männer den stetigen Fluss der Autos, Fahrräder und Fußgänger, der an dem Geschäft vorbeizieht. Gegen ein Gespräch und Fotos hat Herr Hassan nichts einzuwenden.

Mühsam erhebt er sich mit Hilfe eines Gehstocks vom Stuhl. Er sei krank, sagt er und zeigt auf sein rechtes Bein, an dem der Fuß fehlt. Man habe ihn operieren müssen. Ärzte gäbe es in Khallaseh nicht, er werde im Universitätskrankenhaus von Aleppo versorgt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben 70.000 Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Medizintechniker Syrien in den vergangenen Jahren verlassen. Heute fehlen sie.

Mohammed Hassan zeigt auf sein beschädigtes Haus neben seinem Geschäft. Dort habe er mit seiner Familie und seinen Brüdern gewohnt, erzählt er. Jeder von ihnen habe eine Etage gehabt, der Laden im Erdgeschoss sei sein Geschäft gewesen. Vieles sei zu reparieren, doch das Geld fehle: »Weil wir in ein anderes, sicheres Stadtviertel geflohen sind, müssen wir Miete bezahlen. Alles ist teuer geworden, es ist schwer zu sparen.«

Er habe sein Geschäft in einem leerstehenden Laden nebenan eröffnet. Sein ursprüngliches habe der Bruder übernommen, der Schläuche, Kabel, Farbe und Handwerkszeug verkaufe. Gemeinsam könnten sie es schaffen, ihr Haus wieder zu reparieren: »Inschallah« – wenn Gott will. »Uns ging es so gut. Doch jetzt ist unser Leben schwer geworden.«

Trotz der Zerstörungen und des menschlichen Leids nehmen die Aleppiner ihr Leben wieder in die eigenen Hände. Große und kleine Betriebe haben ihre Produktion wieder aufgenommen, die Händler von Aleppo sind zäh und umsichtig.

Der Textilunternehmer Mahmud Chakchak, der vor dem Krieg Mäntel und Jacken, Kleider und Damenunterwäsche rund ums Mittelmeer, nach Russland und Zentralasien verkaufte, hat gerade wieder einen Laden in Algerien eröffnet, erzählt er stolz. »Hier sind die Tagesumsätze der vergangenen Woche«, strahlt er und »blättert« zufrieden durch die Seiten auf seinem Smartphone. Beim Sturm auf die Industriestadt Scheich Najjar im Nord­osten von Aleppo wurden viele Maschinen in seiner Fabrik – die meisten »Made in Germany« – zerstört oder gestohlen. Vor dem Krieg beschäftigte er 300 Arbeiter, während des Krieges habe er mit 15 in einer Kellerwerkstatt in Assisije, einem christlichen Viertel von Aleppo, die Produktion fortgesetzt. Er habe eine neue Maschine aus China erworben. Wenn sein Verkauf steige, wolle er eine gebrauchte in Deutschland kaufen. Im Internet habe er sich schon informiert, doch eine neue sei zu teuer. Erst müsse die Fabrik repariert werden, sagt Chakchak: »Eines nach dem anderen.« Quelle

Jordanien versucht, seine Beziehungen zu Damaskus und Bagdad wieder zu normalisieren. Der jordanische Regierungssprecher Mohammed Momani erklärte am 25. August in Amman, die Beziehungen mit Syrien entwickelten sich »in die richtige Richtung«. Entlang der gemeinsamen Grenze sei es ruhig geworden, was nicht zuletzt auf die von Russland und den USA im Südwesten Syriens für die Provinzen Daraa und Sweida vereinbarten Deeskalationsgebiete zurückzuführen sein dürfte.

Die USA und ihre Partner der »Freunde Syriens« haben ihre Unterstützung für die bewaffneten Gruppen im Süden Syriens reduziert, die reguläre syrische Armee konnte am Mittwoch weitere Militärposten entlang der Grenze mit Jordanien sichern. Momani, der auch als jordanischer Informationsminister fungiert, stellte die Öffnung der Übergänge nach Syrien bis Ende des Jahres in Aussicht.

Damit würde nicht nur die syrische und jordanische Wirtschaft angekurbelt, sondern davon könnte ebenso der Libanon profitieren. Der bevorstehende Wiederaufbau Syriens garantiert beiden Nachbarländern gute Geschäfte. Für den Libanon wird es möglich sein, seine Produkte wieder direkt über den Landweg durch Syrien und Jordanien in die Golfstaaten, aber auch in den Irak und weiter in den Iran zu exportieren.

 Karin Leukefeld, Aleppo

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