Gegen den Strom

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

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Zum ersten Mal seit Jahrzehnten droht in der Metallbranche echter Streit. Die IG Metall "spielt mit dem Feuer", drohen die Arbeitgeber. Denn die Gewerkschaft fordert etwas Wertvolleres als Geld: Freizeit.

Kundgebung der IG Metall in Hamburg

DPA  Kundgebung der IG Metall in Hamburg

Die großen Arbeitskämpfe dieses Jahrzehnts wurden meist von den Kleinen geführt: die kleinen Spartengewerkschaften der Lokführer, Piloten oder Fluglotsen mit höchstens ein paar Zehntausend Mitgliedern. Deutschlands größte Gewerkschaft hingegen, die IG Metall mit ihren 2,3 Millionen Mitgliedern, gestaltet ihre Verhandlungen seit Langem harmonisch und geräuschlos. Maßvolle Lohnerhöhungen, einige gezielte Verbesserungen für Ältere, niedrig Qualifizierte oder Leiharbeiter - die Forderungen der einst so kampfeslustigen Metallgewerkschaft boten zuletzt auch kaum Anlass zum großen Konflikt.

Doch in diesem Jahr ist der Ton vor der Tarifrunde ungewöhnlich scharf. Die Gewerkschaft "spielt mit dem Feuer" und sei dabei, die "Büchse der Pandora zu öffnen", drohte Gesamtmetall-Chef Reinhard Dulger im Juli im "Handelsblatt" und warnte vor einem "unbeherrschbaren Prozess". Anlass für Dulgers verbale Attacke ist ein Reizbegriff, mit dem die IG Metall in die Tarifrunde ziehen will: die 28-Stunden-Woche.

Unweigerlich werden Erinnerungen wach an die Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-Woche, die 1984 in einem der längsten Flächenstreiks in der Geschichte der Bundesrepublik gipfelten. Sieben Wochen lang legten die Metaller die Arbeit nieder, die Arbeitgeber reagierten mit kalten Aussperrungen, im ganzen Land standen die Fließbänder still, der wirtschaftliche Schaden war riesig. Am Ende hatte sich die Gewerkschaft durchgesetzt und den Einstieg in die 35-Stunden-Woche erzwungen - flächendeckend für alle Arbeitnehmer, ein neuer Standard für Vollzeitarbeit.

1984: Demonstration der IG-Metall für die 35-Stunden-Woche

picture alliance / Klaus Rose

1984: Demonstration der IG-Metall für die 35-Stunden-Woche

Damit hat die 28-Stunden-Woche jedoch wenig zu tun. Diesmal geht es der IG Metall nicht um kürzere, sondern um flexiblere Arbeitszeiten. Auf den ersten Blick wirken die Forderungen, die der Vorstand der IG Metall an diesem Dienstag absegnen wird, eher bescheiden. Doch sie zielen auf ein Gut, das härter umkämpft ist als Geld:

  • Arbeitnehmer sollen das Recht erhalten, ihre Arbeitszeit für bis zu zwei Jahre auf 28 Stunden zu verkürzen und danach wieder zur 35-Stunden-Woche zurückzukehren. Der Stundenlohn bliebe aber grundsätzlich gleich: Wer kürzer arbeitet, bekommt entsprechend weniger Geld. Der erste Teil der Forderung - der Anspruch auf Teilzeit - ist sowieso bereits Gesetz. Die IG Metall fordert im Grunde genommen also lediglich ein Recht zur Rückkehr in Vollzeit.
    Dieses Recht könnte ohnehin bald für alle Arbeitnehmer gelten. Es stand bereits 2013 im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung, die Umsetzung scheiterte in diesem Mai am Widerstand der Union - die es kurioserweise anschließend in ihr Wahlprogramm schrieb. Auch die Grünen fordern das Rückkehrrecht. In einer möglichen Jamaikakoalition ist nur die FDP dagegen.
  • Darüber hinaus fordert die IG Metall einen Lohnausgleich in bestimmten Fällen: Wer die Arbeitszeit verkürzt, um mehr Zeit für seine Kinder zu haben, Verwandte zu pflegen oder sich weiterzubilden, soll den Lohn vom Arbeitgeber zumindest zum Teil aufgestockt bekommen. In der florierenden Metallbranche sollte das finanziell kein Problem sein, zumal bereits eine Kompromisslinie erkennbar ist: So könnte es die Aufstockung erst einmal nur für Metall-Arbeitnehmer in den unteren Lohngruppen geben, die sonst nicht über die Runden kämen.

Dass die Arbeitgeber trotzdem so gereizt sind, zeigt, wie sensibel das Thema Arbeitszeit für sie ist. Selbst stattliche Lohnforderungen würden sie wohl gelassener hinnehmen. Denn bereits jetzt haben die Unternehmen mehr als genug Arbeit, aber zusehends Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Und dieses Problem wird in den kommenden Jahren noch deutlich größer werden. Für die Arbeitgeber sind kürzere und flexiblere Arbeitszeiten daher grundsätzlich der falsche Weg. Sie würden sie im Gegenteil bei Bedarf gern verlängern können. Doch in Zeiten der Beinahe-Vollbeschäftigung ist ihre Macht gegenüber den Arbeitnehmern deutlich kleiner geworden.

Zudem ist die IG Metall wieder erstarkt: Den jahrzehntelangen Mitgliederschwund hat sie 2011 gestoppt. Seitdem werden es wieder mehr, sie erwarten, dass die Gewerkschaft ihre Interessen vertritt. Und bei diesen Interessen spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nun mal eine immer größere Rolle: Bei einer Befragung unter mehr als 680.000 Metall-Arbeitnehmern wünschten sich 82 Prozent, die Arbeitszeit vorübergehend verkürzen zu können.

IG Metall: Es geht wieder aufwärts

Mitglieder-Entwicklung der IG Metall   Mitglieder: 2.269.281

Quelle: IG Metall

Ein weiterer Befund der Befragung: Die hart erkämpfte 35-Stunden-Woche existiert fast nur noch auf dem Papier: 78 Prozent der Arbeitnehmer in der Metallbranche arbeiten in Wirklichkeit länger - ein Großteil von ihnen hätte aber gern eine echte 35-Stunden-Woche.

Gut möglich, dass deshalb eine andere Forderung der IG Metall die Arbeitgeber noch mehr beunruhigt als die 28-Stunden-Woche: dass der vor 33 Jahre so hart erkämpfte 35-Stunden-Tarifvertrag endlich eingehalten wird. Quelle

Arbeitszeit in Deutschland

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