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In Afghanistan gehen zwei Drittel der Mädchen nicht zur Schule. Mehr als 60 Prozent der jungen Frauen können nicht lesen und schreiben

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Mit der Notwendigkeit der Frauenbefreiung rechtfertigten insbesondere die deutschen Grünen 2001 und in den Folgejahren gern ihre Zustimmung zur Beteiligung der Bundesrepublik an NATO-Krieg und -Besatzung in Afghanistan. Noch immer wird von Politikern in den Ländern der westlichen Allianz behauptet, in Sachen Bildung, Teilhabe am Berufsleben und Verringerung der Diskriminierung von Frauen habe sich viel getan. Zahllose unter anderem von den Vereinten Nationen veröffentlichte Berichte zeigen das Gegenteil: Zwangsverheiratung und Rechtlosigkeit sind für die Mehrheit der Afghaninnen nach wie vor Alltag. Die wenigen, die sich ihre formal existierenden Rechte nehmen, müssen um ihr Leben fürchten.

Ein am Dienstag veröffentlichter Report der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) belegt, dass gerade hinsichtlich des Zugangs zu Bildung die Lage der Frauen in dem zentralasiatischen Land nach wie vor katastrophal ist. 16 Jahre nach der Vertreibung der Taliban im Zuge der »US-geführten militärischen Intervention« dürfen demnach zwei Drittel der Mädchen nicht zur Schule gehen. Autorin Heather Barr beklagt, dass Bemühungen von Regierung und westlichen Geldgebern, die Lage zu verbessern, in den letzten Jahren erheblich nachgelassen hätten. Nur 37 Prozent der jungen Frauen könnten heute lesen. Obwohl Milliarden in die Mädchenbildung geflossen seien, habe der Prozentsatz derjenigen, die eine Schule besuchten, nie mehr als 50 Prozent betragen, heißt es in der Untersuchung.

Gegenwärtig trieben die schlechte Sicherheitslage, Armut und Binnenflucht wieder Mädchen aus den Schulen, sagte HRW-Frauenrechtsdirektorin Liesl Gerntholtz bei der Vorstellung des Berichts in Kabul. »Ein einziger Angriff kann Hunderte Eltern ängstigen und für Jahre davon abhalten, Töchter zur Schule zu schicken«, heißt es darin. Besonders problematisch sei, dass Lehrerinnen fehlten, weil viele Eltern nicht erlaubten, dass ihre Töchter von Männern unterrichtet werden, erklärte Autorin Barr. In sieben von 34 Provinzen seien weniger als zehn Prozent aller Lehrkräfte Frauen. In 17 Provinzen seien es weniger als 20 Prozent. Andere Barrieren seien die Ablehnung von Mädchenbildung in Gemeinden, die frühe Verheiratung, Kinderarbeit und ein Mangel an Schulen. Viele Kinder lernten heute in von Nichtregierungsorganisationen (NGO) betriebenen Einrichtungen, weil staatliche Schulen fehlen. Generell gibt es zu wenige Gebäude für den Unterricht, und in diesen wiederum fehlen oft Toiletten. Viele Mädchen müssen auch arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen, und dürfen deshalb nicht lernen.

Letzteres betrifft auch Jungen, aber 85 Prozent der 3,5 Millionen Kinder in Afghanistan, denen jegliche Bildung vorenthalten wird, sind nach Angaben von HRW Mädchen. Zwar erhielten deutlich mehr von ihnen Unterricht als zur Zeit der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001. Die Fortschritte seien aber »unvollständig und fragil«. In manchen Landesteilen sinke der Mädchenanteil in Schulen sogar.

Der Bericht basiert auf Studien in vier Provinzen sowie Daten der afghanischen Regierung. Tatsächlich sei die Situation wahrscheinlich noch schlechter, betonte Barr. Denn wer in dem Land keine Schule besucht, wird erst nach drei Jahren in der offiziellen Statistik erfasst. Das Bildungsministerium hatte HRW im April mitgeteilt, dass 39 Prozent der 9,3 Millionen Schüler Mädchen seien. Die Organisation hält diese Zahlen aber für nicht glaubwürdig. (mit dpa und AFP) Quelle

Jana Frielinghaus

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