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Verdi kritisiert Mobbing in hessischen Filialen von H&M. Konzernleitung habe es gezielt auf Mütter, Kranke und Betriebsräte abgesehen

 
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Allein machen sie dich ein: H&M-Chefs setzen Beschäftigte unter Druck

Die Modekette Hennes & Mauritz (H&M) leidet dieser Tage nicht nur unter den jüngsten Skandalen, wie das Verbreiten rassistischer Werbung oder dem Verbrennen großer Mengen nicht verkaufter Klamotten. Ein Umsatzeinbruch lässt die Kapitaleigner um ihr künftiges Mitmischen am Markt bangen. Unter der desolaten Geschäftssituation leiden auch die Beschäftigen. Das H&M-Regionalmanagement Südhessen und Rhein-Main-Gebiet setzt offenbar angestellte Mütter, Erkrankte und Betriebsräte unter Druck. Das kritisierte am Donnerstag Horst Gobrecht von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi).

So unterlaufe die Geschäftsführung in den etwa 20 Filialen im Großraum Wiesbaden, Hanau und Darmstadt bisher übliche Sozialstandards. »Beispielsweise sollen Mütter mit Kindern im schulpflichtigen Alter oder jünger dauerhaft in der Spätschicht und samstags arbeiten, selbst wenn sie zu diesen Zeiten die Betreuung nicht organisieren können«, sagte Gobrecht im Gespräch mit junge Welt. Das Problem sei, dass es sich um freiwillige Zugeständnisse der Geschäftsführung gehandelt habe. »Im Tarifvertrag ist nur vereinbart, dass Mütter mit Kindern unter zwölf Jahren nicht länger als bis 18.30 Uhr arbeiten müssen«, erläuterte Gobrecht. Einige Betroffene, vor allem Alleinerziehende, überfordere es aber, ständig und höchst flexibel Spätschichten und Wochenenddienst zu schieben. »Melden die Frauen dann Probleme an, werden sie zu persönlichen Gesprächen geladen und extrem unter Druck gesetzt«, so der Gewerkschafter.

Krank werden sollen Beschäftigte möglichst auch nicht mehr. Wer deshalb mehr als sechs Wochen im Jahr gefehlt habe, müsse ein sogenanntes Präventionsgespräch über sich ergehen lassen, sagte Gobrecht. Dabei würden Betroffene »ultimativ zu Zielvereinbarungen aufgefordert, ihre Fehltage künftig zu reduzieren«, resümierte er. Die Geschäftsleitung berufe sich auf das Neunte Sozialgesetzbuch. Danach müsste es in diesen Gesprächen eigentlich um Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gehen. »Sie werden aber genutzt, um Druck auszuüben«, so Gobrecht. Viele Frauen, die den Großteil der Beschäftigten stellten, könnten sich genötigt fühlen, krank zur Arbeit zu gehen. Besonders für chronisch Kranke sei die Situation belastend, kritisierte er.

Daneben will die Chefetage nun offenbar auch die Betriebsräte schwächen. Ihnen verweigert sie laut Gobrecht derzeit die Teilnahme an einem für Anfang Februar geplanten Seminar, das sich mit Fragen drohender Filialschließungen befasst. »Das steht ja gerade zur Debatte und hängt wie ein Damoklesschwert über den Kollegen, weil keiner weiß, welches Geschäft es treffen könnte«, beschrieb der Verdi-Sekretär die Situation. Laut Betriebsverfassungsgesetz müssten Unternehmer Beratungen und Fortbildungen von Betriebsräten unterstützen, wenn sie wichtige Belange der Beschäftigten betreffen. »Bisher war das auch nie ein Problem«, resümierte Gobrecht. Nun aber meine das Management, das Thema sei nicht relevant.

H&M bestreitet die Vorwürfe. Man habe sowohl betriebswirtschaftliche Interessen als auch die der Mitarbeiter im Blick, sagte Unternehmenssprecherin Tanja Hußenether auf jW-Nachfrage. Die Gespräche mit kranken Mitarbeitern seien zudem »kein formalisiertes Verfahren, sondern ein verlaufs- und ergebnisoffener Suchprozess«, versicherte sie. Ziel sei, im Einzelfall erneuter Arbeitsunfähigkeit vorzubeugen und den Job zu erhalten. Hußenether betonte ferner, dass Betriebsräten keinesfalls grundsätzlich die Teilnahme an Seminaren verweigert werde. Auf den konkreten Fall wollte sie nicht eingehen.

Seit 2015 sinkt der Wert der Aktien des Unternehmens. Ende November meldete die schwedische Kette erstmals einen Rückgang des Umsatzes um vier Prozent; der Gewinn sei um 14 Prozent gesunken. Der Onlineshop des Unternehmens könne die schrumpfenden Einnahmen nicht abfedern, hieß es. Häufige Schlussverkäufe steigerten die Umsätze zwar kurzfristig, drückten aber durch niedrigere Preise den Gewinn. Doch gerade mit einer neuen Billigmarke namens Afound will sich der Konzern nun selbst retten, wie er am Mittwoch meldete. Kurz zuvor, im Dezember, hatte H&M angekündigt, etliche Filialen zu schließen. Nach Angaben von Verdi verdienen Ungelernte beim Berufseinstieg rund 9,70 Euro, Angestellte, die eine Ausbildung absolviert haben, steigen mit etwa elf Euro ein. »Langjährig Beschäftigte können auf einen Stundenlohn von etwas mehr als 15 Euro kommen«, sagte Gobrecht. Quelle

Susan Bonath

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