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Zehntausende fliehen vor türkischem Angriff und aus der Ostghuta

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Flieht vor der türkischen Armee und den Islamisten: Die Zivilbevölkerung (Inab, östlich von Afrin, 14. März)

Die türkische Armee hat am Freitag ihre Angriffe auf Afrin verstärkt und die belagerte Stadt aus der Luft bombardiert und mit Granaten beschossen. Ankara will damit die vollständige Kontrolle über das bisher von den kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) gehaltene nordsyrische Gebiet erlangen.

Nach Angaben eines Sprechers der YPG starben in der Nacht zu Freitag bei dem Beschuss mehr als 20 Menschen. Die Artillerie- und Luftangriffe hätten eine Wohngegend in der Stadt getroffen, sagte ein Sprecher der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) am Freitag.

Afrin ist seit Tagen durch das türkische Militär und dessen islamistische Verbündete weitgehend eingeschlossen. Zehntausende Zivilisten haben aufgrund der jüngsten Angriffe die Stadt bereits verlassen und befinden sich nun auf der Flucht. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Türkei läuft bereits seit Mitte Januar.

Auch in der Region Ostghuta nahe der Hauptstadt Damaskus gingen die Kampfhandlungen weiter. Russische Kampfjets griffen dort Ziele an. Das zuvor geschlossen von Islamisten kon­trollierte Gebiet ist nach der seit einem Monat anhaltenden Offensive durch syrische Regierungstruppen und deren russische und iranische Verbündete mittlerweile in drei voneinander getrennte Enklaven aufgespalten.

Weit über 15.000 Menschen flohen nach russischen Angaben seit Donnerstag aus der Ostghuta. Außenminister Sergej Lawrow sagte am Freitag, allein am Donnerstag seien 12.000 Menschen aus der Region östlich von Damaskus geflüchtet. Wie die russische Armee erklärte, hätten am Freitag mehr als 4.000 weitere Menschen Ostghuta verlassen und seien in Gebieten eingetroffen, die von der Regierung kontrolliert werden.

Unterdessen zeigten sich Russland, der Iran und die Türkei mit der Entwicklung in Syrien zufrieden. Besonders die Anstrengungen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus seien hervorzuheben, hieß es am Freitag in einer, nach einem gemeinsamen Gipfeltreffen im kasachischen Astana, verbreiteten Erklärung. Darin drückten die Außenminister zugleich ihre Sorge über andauernde Verletzungen des vereinbarten Waffenstillstands aus. (Reuters/dpa) Quelle

Hunderttausende sind in Gefahr

Experten warnen vor einem Massaker an Zivilisten in der nordsyrischen Kurdenenklave Afrin.  Rund 30.000 Menschen sollen die Stadt Afrin allein am Donnerstag verlassen haben.

Furchtbare Bilder erreichten die Welt am Freitag aus der von türkischen Truppen belagerten nordsyrischen Kurdenenklave Afrin: Bomben, Feuer, Blut, tote und verletzte Zivilisten. Bei Luftangriffen auf das bisher weitgehend unzerstörte Zentrum der gleichnamigen Großstadt Afrin wurden nach Angaben von kurdischen Organisationen mindestens 20 Menschen getötet, darunter Frauen und Kinder. Die Türkei gab gleichzeitig bekannt, dass ihre Flugzeuge auch Flugblätter über der belagerten Stadt abwarfen, mit denen sie die Bevölkerung aufriefen, sich gegen die als „Terroristen“ bezeichneten kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG) zu erheben, denen die Angriffe gelten. Das Signal ist klar: Der Endkampf um die Kurdenmetropole hat begonnen.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte sich schon als siegreicher Feldherr geriert, als er am Mittwoch vor Anhängern seine Hoffnung verkündete, dass Afrin „heute Abend komplett erobert ist“. Tags zuvor hatten die türkische Armee und die mit ihr verbündeten, überwiegend islamistischen Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) den Belagerungsring so eng gezogen, dass den Menschen nur noch ein vier bis fünf Kilometer schmaler Korridor blieb, um die Stadt noch zu verlassen. Vertreter der Kurden warnen seit Wochen vor einem drohenden „Völkermord und ethnischen Säuberungen“. Auch das Europaparlament hat die Türkei am Donnerstag aufgefordert, ihre Militäroffensive zu beenden und ihre Truppen zurückzuziehen.

Ankara beruft sich bei ihrer am 20. Januar gestarteten Invasion auf das Selbstverteidigungsrecht nach Artikel 51 der Uno-Charta. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages kam jedoch zu dem Schluss, dass konkrete Beweise für eine Bedrohung fehlten. Zwar beteuern türkische Politiker täglich, dass man Zivilisten schone, doch die Fernsehbilder von Bombenangriffen und Hilferufe der mit schwer Verletzten überlasteten Krankenhäuser sprechen eine andere Sprache. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London sind bisher durch die türkische Intervention über 200 Zivilisten getötet und weit über 600 verletzt worden. Die Sorge um ein Blutbad mit vielen zivilen Toten wächst jeden Tag.

Rund 30.000 Menschen sollen die Stadt laut UN-Angaben allein am Donnerstag verlassen haben. Gleichzeitig sind aber in den vergangenen Wochen mindestens 50.000 Menschen aus umliegenden Dörfern vor den anrückenden Türken in die Metropole geflohen. Auf bis zu 400.000 schätzt der niederländische Kurden-Experte Wladimir von Wilgenburg die derzeitige Bewohnerzahl. „Mit einem türkischen Vorstoß ins Stadtgebiet wird es unweigerlich mehr zivile Opfer geben“, sagt van Wilgenburg, der eine „lange, blutige Schlacht“ erwartet.

YPG-Kämpfer sind in der Defensive

Inzwischen kontrolliert die Türkei rund 60 Prozent der nordwestsyrischen Provinz. Doch schon für den Weg bis Afrin-Stadt brauchten die Angreifer in ihrer von Erdogan ursprünglich als Blitzkrieg angekündigten „Operation Olivenzweig“ fast zwei Monate, weil die YPG zähen Widerstand leistete. Jetzt steht der Wechsel vom ländlichen zum urbanen Kampf bevor. Ankara bekämpft die YPG, weil sie sie als Teil der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK betrachtet - was die Kurden bestreiten. Dagegen sind die USA mit der YPG als wichtigster militärischer Bodentruppe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verbündet, doch fühlt sich Washington nicht für Afrin zuständig. Die Kurden werfen den USA Verrat vor.

Viele Beobachter hat erstaunt, dass die kampfstarke YPG in den Kleinstädten Raso und Dschindiris zwar eine gewisse Zeit Widerstand leistete, sich dann aber zurückzog und den Türken die leergeräumten Ortschaften überließ. Dabei verfügt die Miliz in Afrin über bis zu 10.000 gut trainierte und kampferprobte Milizionäre, dazu 30.000 Zivilisten mit einer militärischen Grundausbildung, die inzwischen durch mehrere tausend zusätzliche Kämpfer aus iranischen und arabischen Milizen verstärkt wurden. Doch die Verteidiger haben der strategischen Überlegenheit der Türkei wegen deren Lufthoheit wenig entgegenzusetzen. Solange Russland, das den Luftraum Nordsyriens kontrolliert, die Türkei nicht stoppt, sind sie in der Defensive.

Zu Beginn der Intervention hatte Erdogan wahrheitswidrig erklärt, dass in der Enklave nur 35 Prozent Kurden lebten, und seine Frau Emine hatte kürzlich angekündigt, dass 300.000 syrische Flüchtlinge aus der Türkei in Afrin angesiedelt werden sollten – mutmaßlich Turkmenen und Araber. Am Donnerstag kündigte ein Erdogan-Sprecher sogar an, dass die Türkei nach der Eroberung Afrins nicht plane, das Gebiet an das Regime in Damaskus zurückzugeben, sondern es selbst beherrschen wolle. Falls es nicht in letzter Sekunde zu einer Verhandlungslösung durch die Großmächte Russland und USA kommt, muss in Afrin mit einem apokalyptischen Szenario gerechnet werden.

„Ein Sprecher der Kurden sagte, sie würden kämpfen bis zum Ende, wie damals in Kobani“, sagt Wladimir van Wilgenburg. Es ist zu erwarten, dass die YPG Afrin zu einem Fanal und Symbol für den kurdischen Widerstand machen will – wie im Kampf gegen den übermächtigen IS in Kobani an der Grenze zur Türkei 2015, wo die Kurden schließlich durch Luftangriffe der USA gerettet wurden. Wie Kobani ist auch Afrin seit Jahrhunderten kurdisches Kernland mit rund 90 Prozent kurdischer Bevölkerung.

Es mag zwar sein, dass die Kurden auch auf ein Eingreifen der USA wie damals hoffen. „Doch die Lage ist diesmal anders“, sagt van Wilgenburg. „2015 ging es gegen den IS, diesmal gegen die Türkei, die ein Nato-Partner ist.“ Doch selbst wenn sie Afrin schließlich erobern sollten, dürften die Türken nicht viel Freude an ihrem neuen syrischen Protektorat haben. Afrin gilt als besonders YPG-treues Gebiet, in dem auch zahlreiche kampferprobte Kämpfer leben. Die Kurden Afrins würden sich „nie unterwerfen“, sagte ein kurdischer Sprecher kürzlich. Plan B der YPG könnte es sein, Afrin für immer unregierbar zu machen.

Zu Beginn der Intervention hatte Erdogan wahrheitswidrig erklärt, dass in der Enklave nur 35 Prozent Kurden lebten, und seine Frau Emine hatte kürzlich angekündigt, dass 300.000 syrische Flüchtlinge aus der Türkei in Afrin angesiedelt werden sollten – mutmaßlich Turkmenen und Araber. Am Donnerstag kündigte ein Erdogan-Sprecher sogar an, dass die Türkei nach der Eroberung Afrins nicht plane, das Gebiet an das Regime in Damaskus zurückzugeben, sondern es selbst beherrschen wolle. Falls es nicht in letzter Sekunde zu einer Verhandlungslösung durch die Großmächte Russland und USA kommt, muss in Afrin mit einem apokalyptischen Szenario gerechnet werden.

„Ein Sprecher der Kurden sagte, sie würden kämpfen bis zum Ende, wie damals in Kobani“, sagt Wladimir van Wilgenburg. Es ist zu erwarten, dass die YPG Afrin zu einem Fanal und Symbol für den kurdischen Widerstand machen will – wie im Kampf gegen den übermächtigen IS in Kobani an der Grenze zur Türkei 2015, wo die Kurden schließlich durch Luftangriffe der USA gerettet wurden. Wie Kobani ist auch Afrin seit Jahrhunderten kurdisches Kernland mit rund 90 Prozent kurdischer Bevölkerung.

Es mag zwar sein, dass die Kurden auch auf ein Eingreifen der USA wie damals hoffen. „Doch die Lage ist diesmal anders“, sagt van Wilgenburg. „2015 ging es gegen den IS, diesmal gegen die Türkei, die ein Nato-Partner ist.“ Doch selbst wenn sie Afrin schließlich erobern sollten, dürften die Türken nicht viel Freude an ihrem neuen syrischen Protektorat haben. Afrin gilt als besonders YPG-treues Gebiet, in dem auch zahlreiche kampferprobte Kämpfer leben. Die Kurden Afrins würden sich „nie unterwerfen“, sagte ein kurdischer Sprecher kürzlich. Plan B der YPG könnte es sein, Afrin für immer unregierbar zu machen. Quelle

 

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