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Gegen Unterdrückung und Gewalt. Die offizielle Kanonisierung des vor 50 Jahren ermordeten Martin Luther King unterschlägt, dass der Bürgerrechtskämpfer zu den wahren Ursachen des alltäglichen Rassismus vorgestoßen ist

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Radikalisierte sich mehr und mehr und trat ein Jahr vor seiner Ermordung als entschiedener Gegner des Vietnamkriegs auf: Martin Luther King (1929–1968), hier bei einer Rede am 17. Mai 1967 an der University of California in Berkeley
 

Am 4. April 1968 wurde der Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King auf dem Balkon seines Motels in Memphis erschossen. Schon auf dem Flug von Atlanta hatte es eine Bombendrohung gegeben, die King, der seit Jahren nicht nur Überwachung, Einschüchterung und andere Schikanen gewohnt war, sondern mehrfach auch Attentatsversuche überstanden hatte, nicht abschreckte. Der Besuch in Memphis stand am Anfang einer sogenannten Poor People’s Campaign, die das Thema der ökonomischen Gerechtigkeit für die keineswegs nur auf Schwarze beschränkte Armee der Armen (»Army of the Poor«) auf die nationale Agenda setzen sollte. Die Reise nach Memphis sollte die lokalen Aktivisten auf die Taktik des gewaltfreien Widerstands einschwören. Kings Ermordung demonstrierte noch einmal eindringlich, wie gespalten das Land hinsichtlich der ökonomischen, sozialen, politischen und ethnischen Gegensätze war – eine Tatsache, auf die auch der wenig später ermordete Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy noch am Abend des 4. April hinwies. Gespalten war das Land auch wegen des eskalierenden Vietnamkriegs, der nicht nur zur Dezimierung der vietnamesischen Bevölkerung, sondern auch zum Tod von Zehntausenden US-amerikanischer Soldaten führte.

»Gleich, aber getrennt«

Der aus Atlanta stammende Theologe und protestantisch-baptistische Pfarrer Martin Luther King war dreizehn Jahre lang in der Bürgerrechtsbewegung aktiv, die ihrerseits auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgeht. Die Sklaverei, die seit dem 17. Jahrhundert in den Südstaaten Virginia, Georgia, North und South Carolina und später in Alabama, Louisiana und Mississippi die Grundlage der auf Tabak, Reis und Baumwolle spezialisierten Plantagenwirtschaft abgab, war 1865 durch den 13. Verfassungszusatz abgeschafft worden. Doch fortan galten die »Black codes«, auf deren Basis eine systematische Segregation gewährleistet werden sollte: Die ehemaligen Sklaven wurden durch offene Diskriminierung und brutale Gewaltanwendung tyrannisiert, um so ihre gesellschaftliche Unterordnung zu sanktionieren – eine Unterordnung, die angeblich auf biologische Unterschiede, d. h. die erbliche Unterlegenheit der schwarzen Bevölkerung zurückzuführen sei. Auch die Verleihung des Wahlrechts durch den 15. Verfassungszusatz von 1870 wurde jahrzehntelang mit rassistischen Argumenten blockiert, indem man, was z. T. bis heute geschieht, die erforderliche Wählerregistrierung erschwerte, behinderte oder unmöglich machte. Von einer Gleichstellung von Weißen und Schwarzen, wie sie eigentlich festgeschrieben war, konnte mitnichten die Rede sein. Vielmehr wurde der entsprechende 14. Verfassungszusatz von 1866 (ratifiziert 1868) durch ein Gesetz aus dem Jahre 1896 ausgehebelt, das mit dem Grundsatz »gleich, aber getrennt« die Segregation sanktionierte, wobei der Gleichheitsgrundsatz selbstredend nie überprüft wurde. Kurz: Nach der Abschaffung der Sklaverei herrschte in den Südstaaten die Praxis einer strikten Apartheid in allen wichtigen Lebensbereichen, selbst im Gefängnis oder im Krankenhaus erfolgten Unterbringung und Verpflegung separat.

Durch ein weitverzweigtes System von Verfassungsartikeln, Einzelgesetzen und Verordnungen wurde nach Maßgabe einer weißen Suprematie für die ökonomische, soziale und kulturelle Unterordnung der schwarzen Bevölkerung gesorgt. Gelegentlich ausbrechende lokale Rebellionen, sogenannte Rassenunruhen, wurden stets niedergeschlagen, ja lieferten weißen paramilitärischen Organisationen wie dem Ku-Klux-Klan den Vorwand für Lynchmorde und brutalste Gewaltanwendung. Dennoch rissen die Versuche nicht ab, sich für die Emanzipation und Gleichberechtigung der Schwarzen einzusetzen, wenn man an Aktivisten wie Booker T. Washington (1856–1915) oder »W. E. B.« Du Bois (1868–1963) denkt oder an die ersten Ansätze der noch heute existierenden National Association for the Advancement of Coloured People, die sich unter anderem – vor und nach 1945 – gegen die Diskriminierung und Segregierung von Afroamerikanern in den nationalen Streitkräften einsetzte. Neben dieser landesweit tätigen Dachorganisation gab es eine Reihe weiterer meist lokaler, oft kirchlicher Gruppierungen, die zur Bürgerrechtsbewegung gerechnet werden.

Montgomery, Alabama

Dass die Bürgerrechtsbewegung nach 1945 einen wichtigen Schub erhielt, ist auf eine Vielzahl politischer, ja weltpolitischer Faktoren zurückzuführen. Zu letzteren gehört zweifellos die Systemkonkurrenz zwischen den beiden wichtigsten Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, der Sowjetunion und der USA, und deren unterschiedliche Rolle im Dekolonisierungsprozess, der bis in die sechziger und siebziger Jahre andauern sollte. Der offene und institutionalisierte Rassismus, der in weiten Teilen der USA herrschte, ließ sich offensichtlich nicht mit dem demokratischen Anspruch vereinbaren, mit dem die USA auf der Weltbühne auftraten. Dank der Massenmedien wurde auch die Praxis der Rassendiskriminierung weltweit bekannt. 1955 sorgte dann ein simpler Anlass in Montgomery, der Hauptstadt Alabamas, für nationale und internationale Schlagzeilen: die Weigerung einiger Frauen – bekannt wurde Rosa Parks (deren Haus 2016 von einem Künstler nach Berlin transportiert, mittlerweile aber wieder in die USA zurück gebracht wurde) – ihren Sitzplatz im Bus für Weiße freizumachen, um gegen die jahrzehntelange Segregation zu protestieren. Diese Renitenz löste eine breite Solidarisierungswelle und einen höchst effektiven Busboykott aus. Um die Aktion zu koordinieren, gründeten die Aktiven eine lokale Organisation, die Montgomery Improvement Association (MIA), zu deren Präsidenten der junge King gewählt wurde, der gerade seine erste Stelle als Seelsorger der First Baptist Church angetreten hatte.

King vertrat die Prinzipien eines gewaltlosen Widerstands im Geiste Mahatma Gandhis, womit keine »Methode träger Passivität« gemeint war. Vielmehr sei der Anhänger dieser Strategie nur insofern passiv, als er seinen Gegner nicht physisch angreift, was angesichts des Kräfteverhältnisses – der Anteil der schwarzen Bevölkerung belief sich auf etwa zehn Prozent – wenig aussichtsreich gewesen wäre. Die Boykotte und andere Mittel des gewaltlosen Widerstands dienten obendrein keinem Selbstzweck, sondern waren Formen des Protestes, der beim Gegner ein »Gefühl der Scham« wecken sollte und letztlich eine Aussöhnung anstrebte. Der in solchen Aktionen vorgetragene Angriff galt nicht Personen, sondern dem »Bösen«, womit – trotz der vagen, religiösen Formulierung – die konkreten Beispiele gesellschaftlicher Ungerechtigkeit gemeint waren. Zum gewaltlosen Widerstand gehörte ferner, und auch hier folgte King dem Vorbild Gandhis, die Bereitschaft, Gewalttätigkeiten hinzunehmen, ohne sie zu erwidern, und auch Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte zu erdulden. Solches Leid »erlöse«, besitze, so die Auffassung, »eine erzieherische und umwandelnde Kraft«, was um so wichtiger sei, als der Appell an die Vernunft auf taube Ohren stoße. Der Verzicht auf eigene Gewaltanwendung, ja sogar auf Hassgefühle gegenüber dem Gegner verhindere Verbitterung und diene der Bewahrung der Menschenwürde. Dies gelte im übrigen für die unterdrückten Völker weltweit, nicht nur für die gegen die Segregation kämpfenden Schwarzen in Montgomery. Dieser Haltung lag die geschichtsphilosophische Position zugrunde, dass »das Universum auf der Seite der Gerechtigkeit« stehe.

Erste Erfolge

Diese Strategie führte in Montgomery letztlich zum Erfolg. Der Boykott der im Besitz weißer Unternehmer befindlichen Verkehrsmittel konnte mehr als ein Jahr durchgehalten werden. Und es waren zunächst die eigenen ökonomischen Interessen, die die weißen Rassisten einlenken ließen. Am 13. November 1956 konnte die Bewegung, bereits sichtbar von King geprägt, auch einen – wenn auch begrenzten – legalen Erfolg verbuchen: Der Oberste Gerichtshof hob die Rassentrennung in den öffentlichen Verkehrsmitteln in Montgomery auf. Weitere Erfolge mussten jedoch in den nächsten Jahren von Fall zu Fall erkämpft werden, immer wieder gab es Rückschläge. So wurde beispielsweise 1957 in Little Rock, Arkansas, die Integration schwarzer Schüler in einer bislang segregierten Highschool trotz gesetzlicher Vorgaben von der politischen Führung und der aufgebrachten Bevölkerung blockiert, so dass US-Präsident Dwight D. Eisenhower gezwungen war, die Nationalgarde dem Kommando des Gouverneurs zu entziehen, um die Sicherheit der schwarzen Schüler zu garantieren. Auch die sogenannten Freedom rides, an denen auch King, der 1960 nach Atlanta übersiedelte, teilnahm, endeten zumeist in Konfrontationen, Misshandlungen und willkürlichen Verhaftungen.

Doch die immer umfangreichere Berichterstattung der Medien verstärkte den Druck auf die Regierung in Washington, die unter John F. Kennedy (1961–1963) und Lyndon B. Johnson (1963–1969) die legal verankerte Rassendiskriminierung in Staaten wie Alabama, Mississippi und Louisiana immer weiter zurückdrängte, zum großen Teil gegen den vehementen Widerstand lokaler Politiker und der weißen Bevölkerung, der auch in den folgenden Jahren anhielt. Ein Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung war sicherlich der Sommer 1963: Präsident Kennedy legte dem Kongress ein Gesetz vor, das die Gleichberechtigung der Schwarzen landesweit garantieren sollte (Civil Rights Act), und die Bürgerrechtsbewegung organisierte einen »Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit«, um für die nötige Unterstützung zu sorgen und auch die mit der jahrhundertelangen Diskriminierung verbundene ökonomische Lage anzusprechen. Am 28. August 1963 hielt King hier abschließend jene Rede, die ihn vollends zur Ikone der Bewegung machte, wobei der Text heutzutage zumeist nur bruchstückhaft zitiert wird. Bekannt sind vor allem jene Passagen, in denen er von seinem »Traum« einer endlich erreichten Gleichberechtigung spricht. Dass er dabei nicht nur an die eigene ethnische Gruppe dachte, sondern durchaus das Fernziel einer »befreiten Nation« ins Auge fasste, wird oft übersehen.

Die Rede

Im wesentlichen zog King in dieser berühmten Rede eine Bilanz der zurückliegenden Jahre. Im Schatten des Lincoln-Denkmals sprechend, schlug er die Brücke zur Emanzipationserklärung, die fast genau hundert Jahre zuvor verabschiedet worden war, um dann zu konstatieren, dass die Schwarzen, »immer noch nicht frei« seien, sondern ein Leben führten, das »von den Handschellen der Rassentrennung und den Ketten der Diskriminierung immer noch traurig verkrüppelt« sei. Gleichzeitig lebten sie »auf einer einsamen Insel der Armut inmitten eines weiten Ozeans des materiellen Wohlstands«, im eigenen Land wie »im Exil«. King erinnerte an das Versprechen von Verfassung und Unabhängigkeitserklärung, allen Menschen – all men – die unveräußerlichen Rechte des Lebens, der Freiheit und des Strebens nach Glück zu garantieren. Dieses Versprechen habe man gegenüber den schwarzen Menschen nicht gehalten, man habe sie mit einem »ungedeckten Scheck« abgespeist. Jetzt sei die Zeit gekommen, diesen Scheck einzulösen, um so in den Genuss der »Reichtümer des Friedens und der Rechtssicherheit« zu gelangen. King wehrte sich gegen eine Hinhaltetaktik und warnte, dass es fatal sei, die berechtigte Unzufriedenheit der Schwarzen zu unterschätzen. Gleichzeitig strich er heraus, dass der wunderbare neue Kampfgeist kontrolliert, diszipliniert und gewaltlos sei. Die Basis sei breit und schließe auch Weiße ein, die erkannt hätten, dass ihr Schicksal mit dem der Schwarzen verbunden sei. Beispielhaft beschrieb er noch einmal »die unaussprechlichen Schrecken polizeilicher Brutalität«, die segregierten Motels und Hotels, die beschränkte Bewegungsfreiheit, die darin bestehe »von einem kleinen Ghetto in ein größeres zu ziehen«, die allgegenwärtigen diskriminierenden Verbotsschilder usw. King war sich bewusst, dass der zurückzulegende Weg noch weit war und beschwor erneut die Gewissheit, dass »unverdientes Leid« erlösende Kraft besitze. Erst abschließend folgte dann seine – rhetorisch bewegende, religiös-utopische – Vision einer brüderlichen (und schwesterlichen) Gesellschaft. Dieser Traum von materieller und legaler Sicherheit sei letztlich im amerikanischen Traum verwurzelt.

Ernüchternde Erfahrungen

In den folgenden Jahren sollte sich freilich sehr schnell erweisen, dass man der Erfüllung dieses »Traums« keineswegs näher gekommen war. Unter Kennedys Nachfolger wurden zwar die angekündigten Bürgerrechtsreformen verabschiedet, der Civil Rights Act 1964 und der Voting Rights Act 1965, doch sobald es um deren konkrete Umsetzung ging, ergaben sich die altbekannten Widerstände. So wurde etwa im März 1965 ein friedlicher Marsch von 600 Menschen, die von Selma nach Montgomery ziehen wollten, um für die lokale Wählerregistrierung zu demonstrieren, blutig zusammengeknüppelt (»Bloody Sunday«), wobei nicht nur Tränengas, sondern mit Stacheldraht umwickelte Gummischläuche und Bullenpeitschen zum Einsatz kamen. Auch der intervenierende amerikanische Präsident sprach davon, dass der Kampf gegen die »verkrüppelnde Hinterlassenschaft von Bigotterie und Ungerechtigkeit« noch lange dauern werde. Immerhin sorgte die neue Gesetzgebung dafür, dass Washington die Kontrolle über die Wählerregistrierung übernahm und die Drangsalierung der schwarzen Wähler eindämmte. In der Folge verdoppelte sich deren Zahl, was die politische Landschaft des Südens letztlich gravierend verändern sollte.

King musste freilich erkennen, dass die legalen Reformen nichts an der Verbreitung des Rassismus und der sozialen Ungerechtigkeiten änderten. Wenige Tage nach der Unterzeichnung des Voting Right Act kam es zu »Rassenunruhen« in Watts, einem Stadtteil von Los Angeles, bei denen unter anderem Geschäfte in Besitz von Weißen zerstört wurden. King selbst ging nach Chicago, um gegen die dortigen Probleme – etwa Wuchermieten und schlecht ausgestattete Schulen – zu kämpfen und gleichzeitig seine Strategie des gewaltlosen Widerstands zu praktizieren, musste aber erleben, dass viele jüngere Schwarze eher von den radikaleren und bisweilen auch gewaltbereiten Gruppierungen der »Black Muslims« (unter Malcolm X) und der Black Panther Party angezogen wurden. Kings Aktionen im Norden waren weitgehend erfolglos, weil sich die ökonomischen Machtverhältnisse nicht durch Appelle oder Boykotte aushebeln ließen. Obendrein sorgte der eskalierende Vietnamkrieg für eine Verknappung der Ressourcen, womit der von Kennedy und Johnson versprochene Kampf gegen die Armut, der für King immer wichtiger wurde, nicht effektiv geführt werden konnte. King hatte lange geschwiegen, da er die Fortschritte in der Bürgerrechtsgesetzgebung nicht gefährden wollte, doch am 4. April 1967 sollte er sein Schweigen brechen. Genau ein Jahr vor seiner Ermordung hielt er auf Einladung einer Aktivistengruppe (»Clergy and Laymen Concerned about Vietnam«) in Harlem seine Rede »Beyond Vietnam«, die demonstrieren sollte, wie sehr ihn die Erfahrungen der zurückliegenden Jahre radikalisiert hatten.

Vietnam – and Beyond

King machte in dieser Rede (die kaum mehr wie eine Predigt klingt) deutlich, warum er den Vietnamkrieg verurteilte. Ausdrücklich stimmte er der Losung der Kriegsgegner zu: »A Time comes when silence is betrayal«, es kommt die Zeit, da Schweigen Verrat bedeutet. Das Schweigen des Klerus und weiter Bevölkerungskreise hatte viele Gründe, u. a. angeblicher Patriotismus, mangelnde Kenntnisse oder das Zögern, sich gegen eine halbwegs liberale Regierung zu stellen. Es war für viele nicht leicht, sich den »Voices of Dissent« und der Kriegsopposition anzuschließen. King betonte dagegen die Geradlinigkeit seines Weges: Der Kampf für Bürgerrechte, die Strategie der Gewaltlosigkeit und der Kampf gegen die Armut führten direkt zu einem Engagement gegen den Krieg in Vietnam, denn dieser blockiere den einheimischen Kampf gegen die Armut. Pointiert: Der Krieg sei der Feind der Armen, die obendrein noch einer »grausamen Manipulation« zum Opfer fielen, da die schwarzen Soldaten zusammen mit weißen in »brutaler Solidarität« in Vietnam für Freiheiten kämpften, die ihnen zu Hause verwehrt blieben. Wie könne er, wenn junge Schwarze ihm in den Ghettos die Frage nach der von den USA gegen Vietnamesen angewandten Gewalt stellten, die Gewaltlosigkeit als Ideal hinstellen? Kings Schlussfolgerung bestand darin, die eigene Regierung mit dieser Frage zu konfrontieren. Schweigen verbot sich unter diesen Umständen. Als Bürgerrechtskämpfer habe er sich zudem um die »Seele des Landes« gesorgt, dessen Freiheit erst nach der vollen Integration der Schwarzen (und anderer ethnischer Gruppen) realisierbar sei. Als Friedensnobelpreisträger (1964) und als Christ habe er zudem die Verpflichtung, für die Unterdrückten in der ganzen Welt zu sprechen, namentlich jene, die der eigenen Nation zum Opfer fielen, die als namenlose »Feinde« denunziert würden und keine Stimme hätten.

Was die Genese des Vietnamkriegs betrifft, so ließ King keinen Zweifel daran, dass die USA aus geopolitischen Gründen das Erbe des französischen Kolonialismus angetreten hätten. King sprach von einem »tragischen Versuch der Rekolonisierung« und davon, dass Vietnam gleich zweimal, 1945 und 1954, die Unabhängigkeit versagt worden sei. Das Ausmaß der Gewalt entspreche der mangelnden Legitimation. Statt wahrer Demokratie unterstütze man korrupte Marionettenregierungen (im Süden) und die Herrschaft der Landbesitzer. Auch den amerikanischen Soldaten sei sehr bald klar gewesen, wie einseitig die Politik ihres Landes sei, die stets an der Seite der »Reichen« und »Abgesicherten« stehe und den Armen die Hölle bereite. Für King war also die Kritik am US-Krieg in Vietnam stets verbunden mit der generellen Haltung gegenüber den Armen. Zustimmend zitierte er einen Brief buddhistischer Kleriker aus Vietnam, die darauf hinwiesen, dass die USA vielleicht den Krieg gewinnen, aber dabei ihr einst positives Selbstbild von »Revolution, Freiheit und Demokratie« zerstören würden. Daraus leitete King konkrete Maßnahmen zur Beendigung des Krieges ab. Unter dem donnernden Applaus der riesigen Zuhörerschaft forderte er zur Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen auf. Zur Behebung der Misere des amerikanischen Geistes, sei allerdings noch viel mehr nötig: eine wahre, radikale »Werterevolution«, die für eine dauerhafte Beseitigung der Armut und der Klassenspaltung eintrete und diese Haltung auch weltweit propagiere.

Kings Erbe

War es ein Zufall, dass King auf den Tag genau ein Jahr nach dieser Rede ermordet wurde? Wohl kaum, obwohl dieser Zusammenhang selten hergestellt wird. Allzuoft wird nur der christlich gesinnte, Gewaltlosigkeit predigende »Träumer« King in den Vordergrund gestellt, ja kanonisiert oder gar vermarktet. Dass King im Verlauf seiner Arbeit in den sechziger Jahren immer radikalere Positionen einnahm und dabei ihm bis dahin wohlgesinnte liberale Politiker oder auch Weggefährten verlor, wird dabei ignoriert. Wenn man King ehren (oder auch nur verstehen) will, sollte man vom Bild eines »Heiligen« abrücken und statt dessen den Stellenwert seiner Gesellschaftskritik reflektieren – oder noch besser, im Sinne seiner Einsichten Rassismus, Ungleichheit und Militarismus bekämpfen. Quelle

Jürgen Pelzer

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. Dezember 2017 über Heinrich Böll.

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