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Der schwerste Kampf: Eine Kurdistanreise wird für Redakteure des Lower Class Magazine zur Lehrstunde über die Widersprüche der Revolution

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Und wer macht jetzt den Abwasch? Unter PKK-Fahnen in Makhmour im Nordirak

Lower Class Magazine (Hg.): Konkrete Utopie. Die Berge Kurdistans und die Revolution in Rojava. Ein Reisetagebuch. Unrast-Verlag, Münster 2017, 192 Seiten, 14 Euro

Ein Handtuch sei »so ziemlich das Nützlichste«, was man auf Reisen durch die Galaxis mit sich führen kann, heißt es in Douglas Adams berühmten Roman »Per Anhalter durch die Galaxis«. Was für Ford Prefect das Handtuch war, ist für den Kurdistanreisenden die Kufija – hierzulande besser bekannt als Palästinensertuch. Neben Tabak, Stift und Papier, einem E-Book-Reader für die Werke von Karl Marx, Abdullah Öcalan und Käpt’n Blaubärs Abenteuer sowie einer erst vor Ort beim Schneider zu erstehenden Pluderhose mit tiefen Taschen ist die Kufija eines der fünf Dinge im »Hitchhiker’s Guide to Kurdistan«, der dem Reisetagebuch »Konkrete Utopie – Die Berge Kurdistans und die Revolution in Rojava« vorangestellt ist.

Mehrere Monate lang reisten Redakteure des linksradikalen Politblogs Lower Class Magazine (LCM) im Frühjahr des vergangenen Jahres durch Kurdistan. Der Weg führte sie von den Guerillacamps der Arbeiterpartei Kurdistans PKK in den Bergregionen an der türkisch-irakischen Grenze über das Siedlungsgebiet der Jesiden im Sindschar-Gebirge weiter in die selbstverwaltete Region Rojava in Nordsyrien bis zur Front in Rakka. Die LCM-Redakteure haben nicht den Anspruch neutraler Berichterstatter, sie kamen als teilnehmende Beobachter, sie lebten und lernten mit der Guerilla und beteiligten sich mit eigenen Händen am Aufbau in Rojava. In dem von der Ethnologin Anja Flach eingeleiteten Reisetagebuch wechseln Erfahrungsberichte und Reportagen von junge Welt-Redakteur Peter Schaber, Karl Plumba und Lisa Schelm ab mit Interviews kurdischer Aktivisten und Internationalisten. Bebildert sind die in ihrer Mehrheit zuvor bereits online im LCM veröffentlichten Kapitel mit Bildern des jW-Fotojournalisten Willi Effenberger.

Während unter einigen »Antiimperialisten« in Europa die Ansicht herrscht, die kurdische Freiheitsbewegung sei sich der Gefahren ihres Militärbündnisses mit den USA gegen den Islamischen Staat (IS) nicht bewusst, zeigten die Gesprächspartner vor Ort ein hohes Bewusstsein dieser Problematik. »Die USA sind die schlimmsten Feinde aller Revolutionäre und Unterdrückten auf der Welt«, erklärt Sahin Cudi von der Vereinigung der Jugend Rojavas. Doch ohne ein solches taktisches Bündnis mit dem strategischen Feind hätte die Rojava-Revolution nicht überleben können, sind die LCM-Redakteure überzeugt. Anstatt sich dabei an eine Großmacht strategisch zu binden, versucht die Freiheitsbewegung, durch wechselnde Bündnisse die Kräfte gegeneinander auszuspielen, um sich einen Raum für das eigene politische Projekt zu schaffen. »Der Krieg in Syrien ist wie Schach«, schreiben die LCM-Redakteure. »Nicht wie eine Feldschlacht, in der man sich bunt anmalt und wie in Mel Gibsons Braveheart erst dem Gegner den blanken Arsch zeigt, um ihn dann Mann gegen Mann mit dem Schwert zu richten. Und beim Schach, anders als bei der Arschzeige-Feldschlacht mit Gesichtsbemalung, muss man viele Millionen möglicher Interaktionen zwischen den 32 Figuren auf dem Feld bedenken.«

Wie ein roter Faden durchzieht die Frage »Wie leben?«, die auch Titel eines Buches von Abdullah Öcalan ist, das Reisetagebuch. Gemeint ist die Entwicklung einer revolutionären, das heißt freien, Persönlichkeit in einem bewussten Prozess des Bruches mit dem kapitalistischen Individualismus, um bereits im hier und jetzt ein kollektives Leben zu schaffen. Die Reise durch Kurdistan wird für die LCM-Autoren so auch zur Reise ins Ich, zum Hinterfragen der eigenen Lebensweise als radikale Linke in den kapitalistischen Metropolen. Der Titel des Buches »Konkrete Utopie« knüpft natürlich an Ernst Bloch, aber auch an ein Zitat von Sakine Cansiz an. »Wir haben uns dem Sozialismus nie utopisch angenähert. Er war für uns nie irgendetwas ganz weit Entferntes. Stattdessen haben wir angefangen, unsere Hoffnungen und Utopien im Hier und Jetzt umzusetzen«, schrieb die vor fünf Jahren in Paris ermordete Vordenkerin der kurdischen Freiheitsbewegung.

Widersprüche in der Realität werden von den LCM-Autoren nicht ausgeblendet, etwa wenn verdiente Unterstützer der Revolution zu Hause Tee trinken, während sie ihre drei Frauen die Hausarbeit erledigen lassen. Anstatt dies zu verurteilen oder abstrakt über Geschlechtergerechtigkeit zu dozieren, gilt es da, die Alternative vorzuleben, indem die männlichen Besucher selbst den Abwasch in die Hand nehmen. Die Autoren räumen auch mit der von libertären Linken im Westen gepflegten Legende von Rojava als »Schlaraffenland der Basisdemokratie« auf, in dem sie auf die entscheidende Rolle der Kader beim Aufbau der Rätestrukturen verweisen. »Die Revolution in Rojava ist der praktische Beweis der Richtigkeit der Leninschen Avantgardetheorie, nicht ihre Widerlegung«.

Während die anderen Autoren nach Deutschland zurückkehrten, schloss sich Schaber den Volksverteidigungseinheiten YPG an, um an der Kampagne zur Befreiung von Rakka vom IS teilzunehmen. An der Front stellt sich Ernüchterung ein. Während Hunderte erfahrene Aktivisten der Freiheitsbewegung in den Schlachten gefallen sind, strömen sehr junge, mehrheitlich arabische Soldaten ohne politische Bildung an die Front, »deren Bewusstsein geprägt ist von der Sozialisierung in den kaputten Gesellschaften des Mittleren Ostens«. Damit droht jenes Band zu zerreißen, »das die Guerilla in den Bergen ausmacht und das die YPG eigentlich zu übernehmen strebt: Die Einheit von zivilem Aufbau, der Gestaltung des eigenen Zusammenlebens und des bewaffneten Kampfes. Der schwerste Kampf, den wir heute in Syrien zu führen haben, ist der gegen den Verfall der eigenen Ideale.« Quelle

Nick Brauns

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