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Gewalttätiger Streit zwischen Syrern und Kurden im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos

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Geflüchtete und Migranten aus dem Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos rufen der Polizei etwas zu. (In der Nähe von Mytilini am 26.5.2018)

Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos beherbergt mehr als 7.000 Menschen. Laut »Ärzte ohne Grenzen« ist es auf 2.500 ausgerichtet. Die dortigen Flüchtlinge nennen gegenüber griechischen Zeitungen den Ort sarkastisch das »neue Guantanamo«. Am späten Freitag nachmittag war es hier zu einem gewalttätigen Streit zwischen syrischen und kurdischen Geflüchteten gekommen. Die mehrheitlich aus der Stadt Dair-Az-Zaur stammenden Syrer verletzten mehr als zehn Kurden aus Afrin zum Teil schwer. Griechischen Medien zufolge kamen beim Kampf auch Messer zum Einsatz. Bisher wurden sieben Schwerverletzte bestätigt, die noch immer stationär behandelt werden.

Da nichtgriechische Webseiten auch von Toten berichtet hatten, sorgte die Nachricht in den sogenannten sozialen Medien auch international für Aufsehen. Die griechischen Behörden bestätigten »nur« Verletzte durch Messerstiche. Zuerst wurde der Streit zwischen den Insassen mit kulturellen oder religiösen Ursachen in Zusammenhang gebracht: Die Syrier und Kurden hätten gestritten, weil die Kurden keinen Ramadan feierten. Die kurdischen Flüchtlinge aus Afrin, die sich angeblich nicht an die religiöse Gesetze hielten, waren aber in der Mehrzahl nicht muslimisch, sondern Jesiden. Einige griechische Medien wiederholten die Vermutung der kurdischen Nachrichtenagentur AFN, derzufolge der türkische Geheimdienst in den Vorfall involviert sein könnte.

Die vermeintliche türkische Provokation wurde in griechischen Medien mit dem zeitgleich stattfindenden Welt-Afrin-Tag in Verbindung gebracht. Kurdische Medien machten zudem auf die gefährliche Präsenz der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Moria aufmerksam. Ein Jeside mit Kontakten nach Lesbos bestätigte dies am Montag der Frankfurter Rundschau. Auch Anhänger des IS, wird spekuliert, könnten die treibende Kraft hinter dem Angriff auf die kurdischen Flüchtlinge gewesen sein.

Mehr als 300 Kurden wollten im Anschluss an die blutigen Auseinandersetzungen Moria bis zum Samstag verlassen. Zunächst wollten sie in Richtung der Hauptstadt Mytilini fliehen, wurden jedoch wie Bilder in den sozialen Medien zeigten, unterwegs von der Polizei blockiert. Die Beamten wollten die Flüchtlinge ins Lager zurückbringen. Diese konnten sich jedoch erfolgreich wehren. Nachdem ein Mann in der sengenden Hitze zusammengebrochen war, durften die Kurden weiterziehen.

Nach ihrer Ankunft in der Inselhauptstadt am Samstag wurde eine Protestaktion veranstaltet. Das griechischen Staatsfernsehen ERT berichtete über die Demonstration als Unmutsbekundung über die Zustände im Lager sowie die langsame Bearbeitung der Asylanträge.

Die Nacht verbrachten die Familien dann teilweise außerhalb der Stadt oder im Stadtpark von Mytilini unter freiem Himmel. Das selbstorganisierte Lager Pikpa, oder auch Lesvos Solidarity, nahm in der Nacht vom Samstag zum Sonntag spontan etwa 120 Menschen auf. Zuvor waren dort etwa 100 Menschen untergebracht. Über das gesamte Wochenende hinweg wurden über 350 neue Menschen im Pikpa-Lager registriert. Nach Angaben der Organisatoren befinden sich darunter neben Familien weitere Verletzte, die »durch das, was sie durchgemacht haben, in Schrecken versetzt wurden«.

Immer wieder machen Aktivisten, Hilfsorganisationen und auch Medien auf die unhaltbaren Zustände in Massenunterbringungen, besonders am Rande Europas aufmerksam, vor allem auch auf Moria: »Das Lager ist unsicher und die Lebensbedingungen sind gesundheitsschädlich«, erklärte Declan Barry, Koordinator von Ärzte ohne Grenzen Anfang Mai. Quelle

Elisabeth Heinze, Thessaloniki

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