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Zivilist aus Efrîn: „Ihre Unterdrückung ist unbeschreiblich“

Hunderte Menschen aus Efrîn werden im Raî-Gefängnis in Azaz festgehalten und gefoltert. Xelil Mihemmed aus Efrîn berichtet von den Gräueltaten des türkischen Militärs und seiner Milizen.

Nach den Angriffen des türkischen Staates und seinen Söldnern von al-Nusra, dem IS und der FSA hatte die Selbstverwaltung von Efrîn gemeinsam mit dem Kommando der YPG beschlossen, die Zivilbevölkerung aus Efrîn nach Şêrawa und Şehba zu evakuieren. Dennoch gab es einige Einwohner*innen der Stadt und der umliegenden Dörfer, die trotz der Massaker und Plünderungen nicht bereit waren, ihre Heimat zu verlassen. Diese leben nun unter einem brutalen Besatzungsregime. Der türkische Staat und seine Milizen haben den Besitz der Bevölkerung geplündert, Hunderte Zivilist*innen gefoltert und weitere Hunderte gefangen genommen. Von den gefangenen Zivilist*innen befinden sich immer noch unzählige in den Gefängnissen von Efrîn, Azaz und Hatay. Dutzende sind einfach „verschwunden“.

Wir wurden jeden Tag gefoltert“

Bekir Xelil Mihemmed war einer der zurückgebliebenen Dorfbewohner. Er wurde von den Besatzungstruppen bei der Besetzung seines Dorfes Balya bei Bilbilê gefangen genommen. Zunächst wurde er 16 Tage lang von den Milizionären im Dorf festgehalten, bis er dann von den Besatzungstruppen in das Raî-Gefängnis gebracht wurde. Xelil Mihemmed berichtet von Hunderten Gefangenen im Raî-Gefängnis, die jeden Tag gefoltert werden. Über seine Erlebnisse berichtet er gegenüber ANF: „Als sie uns angegriffen haben, konnte ich das Dorf nicht verlassen. Ich bin ein alter Mann, ich bin siebzig und mein Bein ist gelähmt. Sie kamen und haben uns erwischt. Sie haben uns gefoltert, geschlagen und mitgenommen. 16 Tage lang wurde ich von den Banden im Dorf festgehalten. Danach haben sie mich in das große Gefängnis von Azaz (Raî) gebracht. Es ist mir nicht möglich, die Folter zu beschreiben, die sie mir dort angetan haben. Sie haben mir ins Gesicht geschlagen, die Zähne ausgeschlagen, meinen Kiefer gebrochen, ich höre seitdem nicht mehr. Sie haben mir 200 Peitschenhiebe gegeben. Für mich ist das kein Problem, aber dort gibt es auch Kinder, sie sind 12-13 Jahre alt. Sie foltern sie, geben ihnen Stromschläge in die Körper. Es gibt dort auch Flüchtlinge, die ständig gefoltert werden. Das sind nicht einmal Kurden, warum tun sie ihnen das an… Man hat gesagt, dass sie mit kochendem Wasser übergossen werden. Mit eigenen Augen habe ich gesehen, dass ein Kind die Finger seiner Hände nicht strecken konnte. Sie waren vollkommen verbrannt und die Finger ließen sich nicht strecken.

Sie bewerfen alte Menschen mit Kot“

Es gibt auch noch einige Ältere dort, welche um die 80 Jahre alt sind. Sie foltern sie und bewerfen sie mit Kot. Es sind Kinder und Alte, sie sind Zivilist*innen und haben nichts mit irgendwelchen militärischen Strukturen zu tun. Sie werden andauernd gefoltert.

Wir waren vier Personen und sie haben uns alle 24 Stunden ein Brot gegeben. Es gab keine Möglichkeiten zum Waschen, zum Reinigen. Es gab auch keine Zigaretten. Kurz gesagt, sie haben uns jeder erdenklichen Form der Folter unterzogen. Ich bin 70 Jahre alt, mein Bein ist gelähmt. Das ist auch nicht neu, seit ich 16 bin, ist mein Bein gelähmt.“

Xelil Mihemmed berichtet, dass er nach 67 Tagen im Raî-Gefängnis entlassen wurde. Er erzählt von der umfassenden Kontrolle, welche die Türkei über die Region ausübt. Der FSA werde kein Mitspracherecht gewährt.

Sie haben uns in vermintem Gebiet zurückgelassen“

Ich war 67 Tage dort. Sie haben mich frei gelassen, aber die Flüchtlinge sind noch immer in ihren Händen. Insgesamt befand ich mich 83 Tage in Haft. Danach haben sie uns rausgelassen. Sie haben uns mit 31 Personen auf einen Lastwagen geladen. Er war vollkommen überfüllt. Sie haben uns alle auf den Lastwagen gequetscht. Sie haben uns nicht direkt der FSA übergeben. Sie haben uns gesagt: ‚Geht über das Feld, damit Euch die FSA nicht erschießt‘. Warum sollte uns die FSA erschießen? Wir hatten Dokumente, dass wir aus dem Gefängnis entlassen worden sind. Aber dahinter steckte eine andere Absicht. Sie wollten uns auf dem Feld sterben lassen. Die FSA schnitt uns den Weg ab und durchsuchte uns alle. Wir sagten ‚Wir kommen aus dem Gefängnis. Wir haben nichts bei uns. Wir froren in der Kälte‘. Die FSA sagte uns ebenfalls, geht über dieses Feld. Ihr Ziel war es, dass wir die Minen auf dem Feld auslösen.

Dort ist alles in der Hand des türkischen Staates, die FSA hat überhaupt nichts zu sagen. Sie machen nur Übersetzungen ins Arabische und ins Kurdische. Wenn einer gefangen genommen und gefoltert wird, dann ist es der türkische Staat, der das entscheidet. Der türkische Staat sagt ihnen ‚geht hin und tut das alles‘, und sie tun es dann. Ihre Unterdrückung ist unbeschreiblich. Das können keine Muslime sein.

In Efrîn leben im Moment ein Fünftel Kurd*innen. Die meisten hier sind Bandenmitglieder. Das sind alles Diebe. Sie haben dem Volk alles gestohlen, was es besitzt. Sie haben die Häuser der Bevölkerung geplündert, ihre Läden und Werkstätten, Häuser, Autos, ihnen alles genommen. Ich habe das alles mit meinen eigenen Augen gesehen. Ich war in Efrîn bei einer kurdischen Familie. Sie haben mir geholfen. Danach bin ich 14 Tage gelaufen und habe Tel Rifat erreicht.“ ANF 30.05.18, ISKU

PKK-Gefangene in Nachbarzellen von IS-Mitgliedern verlegt

Das AKP-MHP-Regime macht in diesen Tagen wieder verstärkt mit Repressionsmaßnahmen und Foltervorwürfen gegen politische Gefangene von sich reden. Vergangene Woche wurden mehrere Inhaftierte, die wegen vermeintlicher PKK-Mitgliedschaft verurteilt wurden, aus dem Silivri-Gefängnis in das T-Typ Gefängnis von Manisa-Akhisar verlegt. Im neuen Gefängnis wurden sie nicht nur voneinander getrennt, sondern auch in Nachbarzellen von verurteilten IS-Mitgliedern untergebracht.

Es sei eine bewusste Praxis, dass PKK-Gefangene nun voneinander getrennt IS-Mitglieder zu Zellennachbarn erhielten Das Recht auf körperliche Unversehrtheit werde damit jedenfalls außer Kraft gesetzt, wie Kaya gegenüber seinen Angehörigen äußterte. ANF 31.05., ISKU

Am 29. Mai hatten wir die Gelegenheit, mit mehreren Familien zu sprechen, die aus Afrin geflüchtet sind. Zur Zeit sind 170.000 Menschen aus Afrin auf der Flucht vor islamistischen Gruppen und der türkischen Invasion. Viele von ihnen konnten nur mit ihrem Hemd am eigenen Leibe fliehen, weil sie zuvor aus den Dörfern rund um Afrin evakuiert worden waren – in der Hoffnung, bald wieder zurückkehren zu können. Eine Hoffnung, die heute weiter entfernt ist als je zuvor. Die deutsche Bundesregierung und die Weltgemeinschaft dürfen nicht weiter wegschauen und die Verbrechen der Erdogan-Regierung stillschweigend billigen!

Vierzehn assyrische Dörfer liegen am Tal von Til Temer, deren Einwohner durch den so genannten IS im Frühjahr 2014 vertrieben wurden. Im Sommer 2016 wurde der IS wie in den meisten Gebieten Nordsyriens auch in Til Temer geschlagen. Nur wenige der assyrischen Einwohner kehrten in ihre Dörfer zurück. In einem dieser leeren Dörfer, in Til Nesrî, sind Anfang Mai diesen Jahren 70 Familien aus Afrin angesiedelt worden, mit Zustimmung der assyrischen Gemeinde.

Ehlem, eine ca. 40-jährige Frau, mit kraftvollem aber abwesendem Blick setzt sich zusammen mit anderen Flüchtlingen aus Afrin zu uns und beginnt auf unsere Nachfragen hin zu erzählen: „Was wir in Afrin erlebt haben, war keine Kriegssituation zwischen zwei Kriegsparteien. Für die türkische Armee waren alle Einwohner Afrins das Ziel. Nicht nur Menschen, auch kurdische Geschichte, Friedhöfe oder Denkmäler wurden in Afrin zerstört. Zuerst trieben sie die Menschen aus den Dörfern in das Stadtzentrum von Afrin, wo hunderte Zivilisten zum Opfer fielen. Dann begannen sie hunderttausende Menschen mit Mörsern und Kampflugzeugen anzugreifen. Es lagen viele Leichen auf den Straßen von Afrin. Auch meine Tochter, die erst 16 Jahre alt war, starb dabei. 17. März beschlossen die Verteidiger von Afrin die Stadt zu räumen. Wir haben alles verloren und zurückgelassen.“ Ahmet, ein etwa fünfzigjähriger Mann, der bei Cinderese als Lehrer arbeitete, erzählt: „Die türkische Armee rückte mit Dschihadisten in unsere Dörfer. Sie plünderten all unser Hab und gut – wir konnten nichts mitnehmen. Diejenigen, die dort geblieben sind, mussten Schutzgeld zahlen und werden als Geisel behandelt. Sie kommen vorbei und sagen, ihr seid YPG, gibt uns 1000 Dollar, dann lassen wir euch in Ruhe. Danach kommt die nächste Gruppe und verlangt dasselbe. Sie haben die Scharia ausgerufen. Die Frauen müssen sich vollverschleiern und dürfen nur mit männlicher Begleitung raus. Die Menschen sind gezwungen, nach der sogenannten Scharia zu leben. Stellen Sie sich vor, das geht von einer Nato-Armee aus.“

Melsa, eine etwa 20-jährige junge Frau aus dem Dorf Hisê fällt ihm ins Wort und sagt, dass ein Anführer der Dschihadisten die 12-jährige Tochter ihrer Nachbarin zu Frau nehmen wollte. Die Mutter, die Gefahr erkennend, wollte ihn hinhalten und sagte, man müsse die Traditionen beachten und die Heirat solle deshalb am nächsten Tag stattfinden. Sie nutzte die Nacht und die floh mit ihrer Tochter und Familie zunächst nach Afrin. Melsa berichtet, dass auch sie mit dieser Familie am 18. März von Afrin nach Shehba geflohen ist. Im Flüchtingscamp Shebha, auf dem Gebiet des syrischen Regimes, leben zur Zeit ca. 120.000 Menschen aus Afrin. In Shehba haben die Menschen in Plastik-Zelten gewohnt. Es gab weder Medikamente noch sauberes Trinkwasser, viele gingen in andere Gebiete Syriens. Melsa ist mit ihrer Familie nach Til Nesrî gekommen. Wir fragen die Flüchtlinge, ob sie eine Botschaft haben. Wieder ergreift Ehlem das Wort und sagt: „Ich möchte an das Grab von meiner Tochter, ich möchte wieder zurück auf meine Erde in Afrin, ich möchte, dass meine Stimme gehört wird.“ Wir verabschieden uns mit einem merkwürdig leeren Gefühl von den Flüchtlingen und machen uns auf dem Weg nach Kobane. Jene Stadt, deren Zerstörung und Widerstand wir vor drei Jahren aus der Ferne sehr nah beobachteten.

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