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Tragweite des bösen Erbes: Der Metawestern »Feinde – Hostiles«

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»Essentiell weiße Seele«: Joseph Blocker (Christian Bale, vorn)

»Feinde – Hostiles«, Regie: Scott Cooper, USA 2017, 134 min, bereits angelaufen

»American Democracy was a form of self-murder, always. Or of murdering somebody else.« (»Die amerikanische Demokratie war immer eine Form, sich umzubringen. Oder jemand anderen.«)

D. H. Lawrence, »Studies in Classic American Literature« (1923)

Kriegsmüde erinnern sich die Helden an die Tage des großen gegenseitigen Abschlachtens. Waren das nicht irgendwie auch gute Tage? Der Western ist auch das Genre der alten Soldaten, die noch ihre letzte Schlacht zu schlagen haben. Schließlich ist – realer historischer Hintergrund so vieler Western – immer irgendwie Krieg gewesen, gegen Engländer, Mexikaner, Indianer, Spanier … Bürgerkriege, Revolutionen, Landnahmen, Staatsgründungen. Alle gegen alle und Gott für keine Seele.

Nicht wenige der großen Western – die Werke aus John Fords Kavallerietrilogie »Bis zum letzten Mann« (»Fort Apache« 1948), »Der Teufelshauptmann« (»She Wore a Yellow Ribbon« 1949) und »Rio Grande« (1950) etwa – sind eben auch Soldatenfilme. Im Neowestern »Feinde – Hostiles« steht nun Christian Bale als Offizier Joseph J. Blocker kurz vor der ehrenhaften Entlassung, ein Veteran der Indianerkriege, vernarbt und verbittert. Man schreibt 1892 in New Mexico, das Land ist noch längst nicht gänzlich befriedet, jedoch immerhin schon so weit, dass die scheinbar ahnungslosen liberalen Regierungsleute weit weg im urbanen Osten bereits unüberhörbar laut über Begnadigung und minimale Rechte für die inhaftierten Ureinwohner nachdenken.

Blocker bekommt den ungeliebten Auftrag, einen alten Kriegshäuptling der Cheyenne (Wes Studi) zusammen mit dessen Tochter, Schwiegersohn und den Enkeltöchtern zur letzten Ruhestätte im heiligen Land der Cheyenne nach Montana zu eskortieren. Lieber würde er seinem alten Todfeind die Gurgel durchschneiden, dann aber würde er seine Pensionsansprüche verlieren.

Rechtsstaatlichkeit und Humanismus sollen langsam ins Land ziehen, und als Zeichen dessen bekommt der Offizier eine schriftliche Totalvollmacht vom Präsidenten (zu jener Zeit Benjamin Harrison, Republikaner) in die Hand gedrückt. Zusammen mit besten Wünschen. Denn der Weg ist weiterhin weit und gefährlich. Komantschen auf dem Kriegspfad säumen ihn genauso wie manische Deserteure und vergewaltigende Marodeure aus dem eigenen Lager.

In »Hostiles« geht es um die Historisierung der Westernmythologie und zugleich um ihre Wiederbelebung und Fortschreibung. In Kenntnis der literarischen, philosophischen, politischen Implikationen des Genres, des bösen Erbes der Gewalt und der alten Überwältigung durch die Weite dieser Landschaften beginnt der Film mit einem Zitat von D. H. Lawrence, nach dem die amerikanische Seele nichts anderes ist als ein einsamer stoischer Killer.

Im Kontext des Zitates heißt es auch, dass die »stoische Killerseele der alten großen Tage«, die Lawrence in den Büchern von James Fenimore Cooper am Werke sah, eine »essentiell weiße Seele« sei, und alle Vorsätze von Liebe und Demokratie nur ein Beiwerk zum bestimmenden Mörderstoizismus.

»Die Menschen mordeten sich in diese Demokratie hinein«, schrieb Lawrence. »Demokratie ist das völlige Härten der alten Haut, der alten Form, der alten Psyche.« Diese Demokratie ist ein Abhärtungsprozess, wie das Gerben von Leder, eine Ultima ratio absoluter Härte. Um dies zu demonstrieren, liest Offizier Blocker ein Buch mit braunem Ledereinband, ein lateinisches und keineswegs die Bibel, wie man vielleicht erwartet hätte, sondern Julius Cäsars »De Bello Gallico« (»Der Gallische Krieg«). Bei Kerzenschein blättert er in Buch V, seinem Heiligtum.

Der Film spart weder mit Literaturhinweisen noch mit Verweisen auf die kanonischen Bilder der »großen Western«. Er versucht, die Brutalität von »Keine Gnade für Ulzana« (»Ulzana’s Raid«, Robert Aldrich, 1972) genauso einzufangen wie die Trauer (und den Wiedergutmachungsversuch) von »Cheyenne« (»Cheyenne Autumn«, John Ford, 1964).

In der Westernlandschaft lauern »die Schatten der Gewalt, und über ihr flackert die Grausamkeit« (Lawrence). Das ist die Tragweite des bösen Erbes. Im Wissen darum wird in »Hostiles« das berühmteste Westernbild zitiert, die Schlusseinstellung von »Der Schwarze Falke« (»The Searchers«, John Ford, 1956): der Rücken von John Wayne, der vom Türrahmen aus den »weiblichen« Raum von Herd und Zivilisation hinter sich lässt und sich als der quasi ewig Ausgeschlossene in eine Landschaft der Grausamkeiten hinausbewegt.

In »Hostiles« wird diese Einstellungskomposition exakt kopiert. Nur dass diesmal der Türrahmen den Blick auf Soldaten freigibt, die die Überreste eines von Komantschen massakrierten Pferdezüchters betrachten. Blocker dringt dann mit gezogenem Revolver durch den Rahmen in das Haus ein, wo er eine blutbeschmierte Frau (Rosamund Pike) vorfindet, die ein totes Baby umarmt. In dieser Version ist die von dem Türrahmen gezogene Grenze zwischen Zivilisation und Landschaft wieder aufgehoben.

Wenn »The Searchers« die Odyssee war, dann ist »Hostiles« so etwas wie die »Commentarii de bello civili« (Cäsars »Aufzeichnungen über den Bürgerkrieg«).

Im Bild der blutbeschmierten, vergewaltigten, traumatisierten Frau findet der stoische Killer das Gegenbild, das ihn zivilisiert, enthärtet. Versöhnungsgesten entweder christlicher Natur (das Opfer) oder eben stoischer, paganistischer Natur (eine Art Ausgleich, ein Vertrag, ein Ethos) sind notwendig. Der Film spart auch nicht an entsprechend schweren symbolischen Akten in Großaufnahme. Bezeichnenderweise ist der Anlass der Versöhnungsgeste eine Grablegung. Wo die Stoiker sagen, die Welt sei ihr Zuhause, der Kosmos ihre Polis, da ist es für den Westerner die Grabesruhe.

Selten wurden in jüngeren Filmen so viele Gräber gebuddelt wie in »Hostiles«. Wird die Totenruhe durch konkurrierende Besitzansprüche gestört, bleiben dem Soldaten Blocker zweierlei Waffen, die Gesetzesvollmacht des Präsidenten und der Colt. Trifft das Papier auf allzu geringe Anerkennungsbereitschaft, wirft er den Wisch weg und greift zur Schusswaffe. In diesem Sinne beleuchtet dieser Metawestern auch die ganze Tragweite heutiger Weltinnenpolitik: Wem gehört der Vorrang – Vertragswerk oder Colt? Quelle

Peer Schmitt

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