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Das Geschäft mit dem Hunger

aktion-mit-essen-spielt-man-nichtLogo der Oxfam Kampagne: Mit Essen spielt man nicht!Nahrungsmittelspekulationen haben massiv zugenommen. Das Geschäft mit dem Hunger brummt. Aus Deutschland verdienen sich vor allem die Allianz und die Deutsche Bank dabei eine goldene Nase. Eine Milliarde Menschen müssen dafür hungern. Doch wie funktionieren Nahrungsmittelspekulationen? Wieso sind sie so verwerflich? Wer sind die deutschen Akteure? Was kann man gegen Nahrungsmittelspekulationen tun?

I. Hunger auf der Welt und das Recht auf Nahrung

Heute soll es um das Thema „Geschäft mit dem Hunger“ gehen, wie also mit dem Hunger von Menschen Geld gemacht wird auf dieser Welt. Die Ausgangsfrage für diese Fragestellung ist: Was ist Hunger überhaupt?

Es gibt konkrete Festlegungen: Wer weniger als 1.800 Kalorien konsumiert, hungert, so die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen  - FAO (mit der Einschränkung, dass dieser Wert nur leichte Arbeit annimmt).

Hunger ist für uns im reichen globalen Norden zunächst ein Gefühl, wenn wir 4-6 Stunden nichts gegessen haben und uns der Magen knurrt. Aber wenn wir vom Hunger in der Welt sprechen, was durch die Geschäfte mit dem Hunger befeuert wird, meinen wir ein soziales Massenphänomen, das weit über dieses Gefühl hinausgeht: die singuläre Erfahrung von „Ich hab schon eine Weile nichts mehr gegessen“ wird zu einem permanenten Zustand. Dieser individuelle Zustand wird mittels unterschiedlicher Methoden erfasst und anhand von Stichproben werden daraus Zahlen über eine Region abgeleitet. Der Welthunger-Index ist zum Beispiel ein Instrument, den weltweiten Hunger zu messen.  

Unterernährung bezeichnet eine unzureichende Versorgung mit Energie, Proteinen, oder wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen. Sie kann entweder in Folge von zu wenig aufgenommener Nahrung (Menge) oder durch einseitige Nahrung bzw. verringerter Nährstoffaufnahme aufgrund von Infektionen oder anderen Krankheiten (Qualität) auftreten.

Als Massenphänomen existiert Hunger auch jetzt im 21. Jahrhundert, was an sich schon ein Skandal ist. Heute hungern eine Milliarde Menschen auf der Welt. Alle sechs Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Unterernährung. Es sind erschreckende Zahlen die man fortsetzen könnte - und an sich unvorstellbar, denn „Hunderttausend Tote sind Statistik, ein Toter jedoch eine Katastrophe“.

Die lange vorherrschende Fortschrittserzählung der Menschheit wird auch durch diesen beschämenden Fakt in den Geschichtsbüchern über das 21. Jahrhundert weiter bröckeln. Denn weil es zur Normalität des 21.Jahrhunderts gehört, sind viele Menschen gegenüber diesen Zahlen abgestumpft. Ein permanenter Skandal ohne Einschaltquoten sozusagen. Stellen wir uns mal vor, für jeden Verhungernden gebe es eine Unterbrechung des Fernsehprogramms – es gebe kein anderes Thema mehr. Aber es interessiert nicht.  Es ist ein tägliches Sterben, an das wir uns gewöhnt haben, weil es oft nicht vor der eigenen Haustür passiert und wir die Hungerbilder aus Afrika und Asien längst als „Normalität“ ansehen. 

Dabei gehört das Recht auf Nahrung zu den fundamentalen Menschenrechten. Bereits in Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 heißt es:

Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen

Wer kritisiert, diese Erklärung sei kein völkerrechtlich bindender Vertrag, nehme Artikel 11 des Internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte von 1966, wo es heißt:

„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familien an, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung, sowie auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Vertragsstaaten unternehmen geeignete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechts zu gewährleisten, und erkennen zu diesem Zweck die entscheidende Bedeutung einer internationalen, auf freier Zustimmung beruhenden Zusammenarbeit an.“

Die Unterzeichner-Staaten – nahezu alle Staaten der Welt – haben sich auf die Anerkennung dieses Rechts längst verständigt und darüber hinaus sogar verpflichtet, dieses Recht im Rahmen ihrer Möglichkeiten und unter Zuhilfenahme internationaler Zusammenarbeit zu verwirklichen.  Es ist also für die meisten Staaten verbindlich. Und doch wird es so oft und so gewaltsam verletzt wie kein anderes Menschenrecht, wie die Zahlen belegen.

Es gibt neben der Spekulation mit Nahrungsmitteln – um die es heute primär gehen wird – viele verschiedene Spielarten der Verletzung des Rechts auf Nahrung:

  • Da ist die Regierung, die bei einer drohenden Dürre ihrer Schutzpflicht nicht nachkommt und nicht die notwendigen Maßnahmen ergreift (àStaatlichkeit).
  • Da sind bewaffnete Gruppen, die Nahrungsmittelhilfe, sei es vom Staat oder von der „internationalen Gemeinschaft“ kontrollieren, beschlagnahmen oder im schlimmsten Fall Hunger strategisch einsetzen (à Konflikt).
  • Da sind (transnationale) Unternehmen oder Staaten, die Menschen von ihrem bisher bewirtschafteten Land vertreiben bzw. vertreiben lassen, ihnen das Land also wegnehmen, um dort selbst Nahrung anzubauen, Agrokraftstoffe anzubauen oder das Land als Investitionsobjekt zu nutzen -  und damit den Bauern, die dort lebten, die Möglichkeit der Subsistenzproduktion oder auch der geringen Marktproduktion nehmen (à landgrabbing).

Ein Bündel aus Einflussfaktoren, wie (mangelnde) Staatlichkeit, bewaffnete Konflikte, und Vertreibungen können die Rechtsverletzung also bedingen.

Hinzu kommen Dürren und in deren Folge Missernten, die lokal und regional zu Nahrungsmittelknappheit und im schlimmsten Fall zu Hungerkatastrophen führen können – wenn ich das sage denken bestimmt viele von euch an die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika im letzten Jahr. Es besteht allerdings weitestgehende Einigkeit darüber, dass jede Hungersnot vermeidbar ist, wenn die sich anbahnenden Engpässe frühzeitig erkannt und durch politische Maßnahmen dementsprechend entgegengewirkt wird. Mittlerweile gibt es auch technisch gut funktionierende Frühwarnsysteme, die Hungersnöte ausreichend früh voraussehen.  

So wurden die Nahrungsmitteldefizite am Horn von Afrika bereits im November 2010 prognostiziert – ein halbes Jahr bevor die Krise ihren Höhepunkt erreicht hatte. Dennoch kam es in Ostafrika zu einer verheerenden Hungersnot, von der 13 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien, Kenia, Dschibuti und Eritrea betroffen waren. Seit Monaten werden die bevorstehenden Engpässe im Sahel angekündigt. Dennoch sind bereits jetzt 8 Millionen Menschen in Mali, Niger, Burkina Faso, Tschad und Mauretanien von Hunger betroffen. Man reagiert also auf die Frühwarnsysteme nicht, dass ist oft ein politisches Problem, weniger die Naturbedingungen wie Trockenheit oder Dürre.

II. Ein zentraler Grund: Steigende Nahrungsmittelpreise

Aber heute soll es nicht zentral um die akuten Hungersnöte gehen, sondern um den strukturellen Hunger und dessen Ursachen. Die Gründe für den strukturellen Hunger liegen tiefer. Sicherlich werden Hungersnöte durch unmittelbare Faktoren ausgelöst: der Regen, der ausbleibt, die politische Krisensituation, die sich zum bewaffneten, innerstaatlichen Konflikt ausweitet, wie seit einigen Monaten in Mali zu beobachten. Aber die tatsächlichen Ursachen, warum eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern müssen, liegen tiefer. Ich möchte einige nennen:

  • Da ist die verfehlte Agrarpolitik in Europa und Nordamerika, die hochsubventionierte Produkte auf die Märkte im globalen Süden bringt [Milchbeispiel / Ghana]. Jahrzehntelang ging dieses Agrardumping mit einem Verbot des Schutzes (z.B. Zölle) und der Förderung der einheimischen Landwirtschaft in den Ländern des Südens einher (Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und IWF verboten Subventionen für die Landwirtschaft) – schlichtweg wurde die Landwirtschaft massiv vernachlässigt und ein Umdenken findet auch auf globaler Ebene erst seit wenigen Jahren statt.
  • Da sind weiterhin die umfassenden Futtermittelimporte aus den Ländern des Südens zur Verfütterung in Europa zu nennen, was jedes Jahr neue Agrarflächen im Süden braucht.
  • Hinzu kommt der Anbau von Agrokraftstoffen.

Ein neueres Phänomen sind aber steigende weltweite Preise für Nahrungsmittel. Seit wenigen Jahren, vor allem seit 2006, steigen die weltweiten Nahrungsmittelpreise massiv an bzw. schwanken– was auch erklärt, warum die relativen Zahlen in der Bekämpfung des Hungers bis 1997 zurückgegangen sind, seither aber wieder steigen. Der wahre Grund für Hunger liegt also meist darin, dass sich Menschen die Nahrungsmittel schlicht nicht leisten können – es also durchaus ausreichend Nahrungsmittel gibt – es wird auch heute genug produziert um 12 Milliarden Menschen zu ernähren – aber nicht genug Geld seitens der Menschen vorhanden ist, sich diese Nahrungsmittel zu kaufen. Mais, Weizen, Reis – die Preise für Grundnahrungsmittel erreichen seit 2006 immer neue Rekorde.

So waren Anfang 2011 Nahrungsmittel so teuer wie nie in der Geschichte der Menschheit. Weizen kostete im Juli 2010 pro Tonne 200 Euro, im Februar 2011 kostete eine Tonne 360 Dollar!

Auch während der Hungersnot in Ostafrika letztes Jahr gab es laut Welternährungsprogramm der UN in Kenia genug Nahrungsmittel. Aber die Preise waren zu hoch. Ähnliches gilt für Somalia. Laut Weltbank und der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO stiegen die Preise in Somalia für Mais, eines der Grundnahrungsmittel, im Vergleich zum Vorjahr um 154 Prozent, die für Hirse um 240 Prozent. Fortan mangelte es im Süden Somalias weniger an Nahrung, denn am Geld, um sie zu kaufen. Arme Familien konnten sich jetzt kein Essen mehr leisten, auch dann nicht, wenn sie ihr Vieh verkauften: Hatte man für den Erlös einer Ziege im Herbst 2010 noch knapp 150 Kilogramm Mais bekommen, waren es im Juni 2011 weniger als 30.

Enorme Preissteigerungen für Nahrungsmittel und eine hohe Arbeitslosigkeit waren im Januar 2011 ein wichtiger Grund für die Proteste in Nordafrika. Welche Konsequenzen diese Proteste vor allem in Tunesien und Ägypten hatten, ist bekannt. Doch auch in anderen Ländern kam es wegen der gestiegenen Nahrungsmittelpreise zu Protesten:  Zum Beispiel in Kenias Hauptstadt Nairobi, wo die Menschen monatelang jede Woche auf die Straße gingen, um gegen die hohen Lebensmittelpreise zu demonstrieren und die Regierung aufzufordern, die Preise für Mais zu subventionieren. Oder im Nachbarland Uganda, wo eine landesweite Kampagne gegen die steigenden Sprit- und Lebensmittelpreise ins Leben gerufen wurde.

Nun könnte man sagen: Was macht es schon, wenn ein Kilo Mais oder Weizen paar Cent mehr kostet. Denn: Gestiegene Preise bei Nahrungsmitteln machen sich bei uns in den seltensten Fällen bemerkbar. Natürlich, für Hartz IV Empfänger und Niedriglöhner hat es möglicherweise Auswirkungen, aber die Masse der Bevölkerung muss deswegen nicht großartig verzichten.

Denn wir geben nur 10-20 % unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Die Auswirkungen im globalen Süden, in Afrika, Asien und Lateinamerika, sind dagegen dramatisch. In den ärmsten Ländern dieser Welt geben die Menschen nämlich einen Großteil ihres Einkommens – 60 bis 80 Prozent – für Nahrungsmittel aus.

Steigende Preise haben deshalb im globalen Süden heftige Konsequenzen. Die betroffenen Familien essen weniger Mahlzeiten, kaufen billigere Nahrungsmittel, die oft weniger nahrhaft sind, und geben weniger Geld für Bildung und Gesundheit aus. Im schlimmsten Fall hungern sie und fallen dann in die anonyme Statistik der einen Milliarde Hungernder.

Also führen hohe Nahrungsmittelpreise zusammengefasst zu: Hunger, Armut und noch mehr gewaltsamen Auseinandersetzungen.

III. Die Spekulation mit Narhungsmitteln

Wieso aber steigen die Nahrungsmittelpreise derartig heftig? Nun wird man sagen: Schwankungen gab es immer schon. Aber eben niemals so massiv wie in den letzten sechs Jahren und heftigen Peaks  Peaks 2007/2008 und 2011 und auch jetzt wieder übrigens (vgl.: FAO Nahrungsmittelpreisindex)

Ein zentraler Grund für steigende Nahrungsmittelpreise ist die stark angestiegene Spekulation mit Nahrungsmitteln. Ein altes Phänomen in gewisser Weise, das es seit 100 Jahren gibt, aber gleichzeitig seit 2006 in einer neuen, viel krasseren Form. Wenn man vom „Geschäft mit dem Hunger“ redet, meint man genau dies, Nahrungsmittelspekulationen in ihrer neuen Form.

2007/2008 erlebten wir eine schreckliche Nahrungsmittelkrise, die mehr als 100 Millionen Menschen zusätzlich in den Hunger trieb. Genau zu dieser Zeit warb die Deutsche Bank auf Frankfurter Brötchentüten damit, dass sich Anleger, die auf höhere Nahrungsmittelpreise spekulieren, über dicke Gewinne freuen könnten. D.h. die Deutsche Bank warb für Nahrungsmittelspekulationen in der breiten Bevölkerung. Diese makabere Werbung war das i-Tüpfelchen für eine ganze Reihe von Nahrungsmittelgeschäften, die seit der Lockerung der Finanzmarktregeln für Spekulationen zwischen den Jahren 1991 und 2005 ihren Lauf genommen hatten.

Heute werden vor allem in Chicago, aber auch in London, Paris, Frankfurt, Zürich die weltweiten Nahrungsmittelpreise festgesetzt und zwar mit steigender Tendenz.  Die Auswirkungen der Spekulationen sind aber global und nicht auf die Börsen begrenzt. Provokant kann man sagen: In Afrika und Asien werden die Opfer der weltweiten Spekulation begraben.

1. Wie funktionieren Nahrungsmittelspekulationen?

Was ist Nahrungsmittelspekulation überhaupt, wie funktioniert das? Um das zu begreifen, müssen wir uns zunächst mit der Sprache der Finanzwelt vertraut machen. Der Finanzjargon ist exklusiv,  er greift auf umfangreiche Begrifflichkeiten verbunden mit einer eigenen Logik zurück, die allen anderen Menschen, die nicht in der Finanzwelt arbeiten, suggeriert, das Feld sei zu schwierig. Also wer sich damit beschäftigt, muss erst mal durch diese scheinbare Wand gehen, dann ist es aber erstaunlich einfach.

a.)    Kassamarkt

Fangen wir beim einfachsten Modell an. Auf dem Nahrungsmittelmarkt hat man es normalerweise mit dem Bauern als Produzenten und Verkäufer und dem Müller als Weiterverarbeiter und Käufer zu tun. Das war historisch so und in anderen Dimensionen ist es heute noch immer so. Daher nehme ich dieses vereinfachte Bild als Einstieg. Wenn Bauer und Müller, Käufer und Verkäufer, einen Vertrag über die Lieferung von 1 Tonne Getreide zu einem Preis X schließen, spricht man vom Kassamarkt. Es ist ein sofortiger Cash Markt, ohne Börse und Spekulanten.

b.)    Termingeschäft

Doch sowohl Bauer als auch Müller haben auch ein Interesse, Verträge nicht sofort, sondern für die Zukunft zu schließen, um sich abzusichern vor Risiken wie einer Veränderung des Preises. D.h. der Bauer hat Sorge, dass in der Zukunft seine Ware weniger Marktwert hat und der Müller, dass die Ware in der Zukunft teurer ist. Dieses verständliche und schon seit langer Zeit bestehende Absicherungsinteresse, „Hedging“ in der Finanzfachwelt genannt, wird dadurch Rechnung getragen, dass man heute, bspw. im Juni 2012 einen Vertrag schließt für eine Lieferung von 1 Tonne Getreide im April 2013 zum Preis X. D.h. man vereinbart heute schon Liefermenge und Lieferpreis zu einem Liefertermin in der Zukunft. Das ist ein Termingeschäft oder Forward.

c.)     Warenterminbörse

Nun kommen wir zur Warenterminbörse. Im Prinzip funktioniert es wie ein Termingeschäft. Wir haben wieder Bauer und Müller, die sich für die Zukunft absichern wollen. Der Bauer gegen sinkende Preise – er ist nach dem Fachterminus in der „short“ Position – und der Müller gegen steigende Preise – er ist nach dem Fachterminus in der „long“ Position. Zu diesem Zweck gehen sie an die Warenterminbörse, haben also keinen direkten Kontakt, sondern die Börse ist zwischengeschaltet. An der Börse heißt dieser Vertrag Future. Ein Vertrag, den Käufer und Verkäufer mit der Börse abschließen, aber erst zu einem bestimmten Termin in der Zukunft eingelöst werden.

Diese Warenterminbörsen gab es immer, die berühmteste und wichtigste ist die in Chicago, es gibt aber solche Warenterminbörsen auch in Europa – in Paris, London und Frankfurt. Fast 80 % der Teilnehmer waren 1998 tatsächlich ein echter physischer Käufer bzw. Verkäufer von Agrarrohstoffen. Es gab dann noch ca. 20 % Spekulanten, die aber real Kenntnisse des Marktes hatten und eher Vermittler waren. Sie lebten von der kurzfristig erzielten Differenz zwischen Kauf und Verkauf durch Futures, gehörten aber zum Nahrungsmittelmarkt.

Diese Warenterminbösen, an denen z.B. Weizen auf die Zukunft gehandelt wurde, stellten eine sinnvolle Dienstleistung für die Landwirtschaft dar. Der Bauer konnte seine Ernte, die noch auf dem Feld stand, schon jetzt an einen Mühlenbetreiber verkaufen, obwohl die Ernte erst in einigen Monaten erfolgte. So konnten beide Seiten ihre Geschäfte besser kalkulieren, da sie wussten, zu welchem Preis sie ihr Produkt kaufen bzw. verkaufen würden. Beide Seiten waren so abgesichert gegen eventuelle Preisschwankungen. Sie erzielten dank des Warentermingeschäftes einen „fairen“ Preis.

2. Die Veränderung an den Warenterminbörsen

Doch heute sind die Warenterminbörsen ein relevanter Ort der Zockerei mit Nahrungsmitteln, dem Geschäft mit dem Hunger. Wie ist es dazu gekommen? Wie konnte etwas, das sinnvoll war für alle Beteiligten, zu so einem Ungetüm werden, das hunderte Millionen Menschen in Hunger und Tod stürzt? Etwas werden, wo Menschen vom Bürostuhl aus Hungerkrisen hervorrufen können?

Ursprünglich dienten die Warenterminbörsen wie aufgezeigt der Preisstabilisierung. Doch in den letzten Jahren hat die Zahl der branchenfremden Akteure massiv zugenommen. So stieg die Zahl der branchenfremden Rohstoff-Indexfonds an der Chicago Warenterminbörse von 1998 von 7 % auf 2008 auf 41 %.  

Doch was sind diese Rohstoff-Indexfonds? Es ist ein Produkt, welches von Investmentbanken entwickelt worden ist. Diese Fonds kann man sich wie einen Korb oder ein Bündel von Rohstoffen vorstellen. Neben Energierohstoffen und Industriemetallen, haben Agrarrohstoffe, also Nahrung, daran einen Anteil. Bei einem  Indexfonds aufgelegt beispielsweise von Goldman Sachs werden 25 Rohstoffe gebündelt – darunter Agrargüter, wie Mais, Weizen, Zucker, Baumwolle, Kaffee, aber auch Lebendrind und mageres Schwein haben daran insgesamt einen Anteil von 17 %. Bei dem Dow Jones UBS Commodity Index (DJ-UBSCI) hingegen sogar 1/3 von insgesamt 19 Rohstoffen.

Es sind also solche Fonds, die nicht nur, aber auch in Agrarrohstoffe investieren bzw. sie als Teil ihres Portfolios anbieten. Es gibt mittlerweile sehr viele davon.

Der Vorteil für die Anleger liegt klar auf der Hand: während vormals nur richtige Experten auf Agrarrohstoffmärkten kurzfristige Gewinne erzielen konnten, sie daher für normale Anleger uninteressant waren, übernimmt die Bank diese Aufgabe nun und ermöglicht es dem Anleger auch an Rohstoffmärkten zu partizipieren. Der Anleger gibt sein Geld an den Fonds. Die Bank, die den Fonds betreibt – das Fondsmanagement – hat die ausreichende Expertise, das Geld an den Warenterminbörsen anzulegen. Die Rendite wird weitergegeben an den Anleger.

3. Die Probleme, die branchenfremde Akteure aufwerfen

Das Problem an der ganzen Sache: Durch die branchenfremden Akteure, neben Rohstoff-Indexfonds sind auch Pensionsfonds und Hedgefonds mit von der Partie, ist sehr, sehr viel Kapital auf die Rohstoffmärkte geflossen. Um eine Zahl zu nennen: Das Anlagevolumen der Indexfonds stieg von 13 Mrd. Dollar im Jahr 2003 auf ca. 318 Mrd. Dollar im Jahr 2008. Tendenz weiter steigend. Diese Fonds sind also aus Sicht der Anleger eine attraktive Anlage und sie investieren fleißig.

Damit strömte natürlich sehr viel Kapital an die Warenterminbörsen. Diese waren für diese Kapitalflut gar nicht ausgelegt, sie handelten ja mit realen Werten und dienten der Preisstabilisierung und -findung – viel Kapital ist dafür immer schädlich.

Die Menge der nun an den Warenterminbörsen gehandelten Nahrungsmittel übersteigt die real vorhandene Erntemenge um ein Vielfaches. Oxfam zufolge wurden 2011 in den USA Weizen-Futures im Volumen vom 4.400 Mio. Tonnen Weizen gehandelt - das 6fache der tatsächlichen weltweiten Ernte!

Das weist schon auf das eklatante Missverhältnis hin:  Lediglich zwei Prozent aller Terminkontrakte ziehen heutzutage eine tatsächliche Lieferung nach sich. Der Rest wird frühzeitig aufgelöst („glatt gestellt“). Bei diesen Positionsauflösungen am Ende der Laufzeit kommt es aber nicht wie man erwarten könnte zu einem Preisverfall, was ja bei Aktienmärkten üblich wäre – nämlich das bei Verkauf die Preise fallen. Denn die freiwerdenden Gelder werden sofort wieder in einen neuen Rohstoffkontrakt mit längerer Laufzeit investiert, führen also an anderer Stelle wieder zu Preissteigerungen.

Da der branchenfremde Spekulant nicht an den hinterlegten Rohstoffen interessiert ist, er will ja nicht wirklich mehrere Tonnen Weizen geliefert bekommen, wartet er einen günstigen Termin bezüglich anderer Faktoren (Währung, Zinsraten) ab oder einen guten Gewinn-Peak und kurz vor dem festgelegten Termin verkauft er den Warenkontrakt wieder und generiert aus dem Erlös wieder neue Verkaufskontrakte. Das macht er kontinuierlich und ständig, weshalb vom rollierenden Handel gesprochen wird (roll-over). Aus diesem kurzfristigen Kauf und Verkauf – Positionen – wird Gewinn erzielt.

Letztlich werden Nahrungsmittel wie Weizen, Soja, Zucker und Mais wie eine x-beliebige Aktie behandelt: kaufen, verkaufen, Gewinne machen. Aktien oder Anleihen dienen dazu künftige Produktionsanlagen aufzubauen oder neue Unternehmen oder staatliche Infrastruktur zu ermöglichen. Rohstoffanleger hingegen schließen lediglich Wetten auf die Preisentwicklung der zugrunde liegenden Rohstoffe ab. Es handelt es sich also nicht um reale Erstellung eines Wertes oder Stützung eines Unternehmens, sondern um eine Wette auf den künftigen Preis eines Gutes. Dabei kann sowohl darauf gewettet werden, dass ein Preis fällt, als auch dass er steigt. Mit beidem ist Gewinn möglich.

Aber wieso strömen jetzt so viele branchenfremde Anleger auf die Warenterminbörsen, warum nicht früher? Es handelt sich ja um ein Phänomen, das zwischen 2006 und 2008 sehr massiv begonnen hat und seitdem weiter zunimmt. In den letzten Jahren gab es eine Zunahme dieser Termingeschäfte mit Nahrungsmitteln um das 50fache!

Früher gab es noch umfangreiche Regularien, die die Möglichkeiten der Spekulation an den Warenterminbörsen stark begrenzten: Früher galt in den USA die Begrenzung von 600 Kontakten pro Investor und Rohstoff. Das reichte dem normalen Branchen-Investor auch, der 100- bis wirklich max. 1000 Kontrakte abschließt.Entscheidende Gesetzesänderungen kamen in den USA im Jahr 2000 und hoben alle bis dahin noch vorherrschenden Grenzen im Finanzgewerbe auf: Die Positionslimits für die Futures auf Getreide und Sojabohnen wurden immer weiter heraufgesetzt, so dass die ehemalige Grenze von 600 Kontrakten auf 22.000 bei Mais, 10.000 bei Sojabohnen und 6.500 Kontrakten bei Weizen anstieg! Das Ziel: Banken verstärkt an die Märkte zu holen bzw. die Banken wollten dies natürlich gerne, um ihre Gewinne zu erhöhen. Später kam die völlige Aufhebung von Positionsgrenzen, die Goldman Sachs als erste Bank als Ausnahmeregel beanspruchte und die sich dann zunehmend durchsetzte. So konnte in der Folge jedes Finanzunternehmen und auch Investoren wie Pensionsfonds und Stiftungen zügellos Geld in Rohstoff-Indexfonds investieren, es gab keine Begrenzungen. Mittlerweile sind die Warenterminbörsen die am schlechtest geregelten Börsen der Welt. So zeichnen sich auch diese Spekulanten-Fonds dadurch aus, dass sie zehntausende und hunderttausende Kontrakte abschließen, d.h. weit ab von dem was in der Realwirtschaft passieren würde bzw. unter Branchen-Akteuren. Zugleich konnten immer mehr Privatanleger für die Rohstoffanlagen gewonnen werden. Denn in Zeiten, wo die Aktienmärke wackeln und wir Wirtschaftskrisen erleben, versprechen Rohstoffe Sicherheit. Gerade Agrarrohstoffe. Gerade nach dem Crash des US-Immobilienmarktes 2008 strömten viele Spekulanten auf die Warenterminbörsen bzw. den Rohstoff-Terminhandel und suchten sich ein neues Spielzeug, das sicherer erschien. Denn die Weltbevölkerung wächst und Krise hin oder her: Gegessen werden muss immer.

Inzwischen gibt es Hunderte solcher Fonds, mittels derer sich auch jeder Kleinanleger an den Wetten auf Rohstoffpreise beteiligen kann.  Neben diesen Index-Fonds, die mehrere Rohstoffklassen umfassen, gibt es inzwischen auch solche, die speziell auf eine Rohstoffklasse setzen, z.B. Kakao, Kaffee, Baumwolle oder auch den Agrarsektor insgesamt verfolgen, also nicht breit streuen, sondern gezielt arbeiten. Diese können sehr, sehr mächtig werden:  Der Londoner Hedge Fond Armajaro kaufte im Juli 2010 fast alle verfügbaren Kakao-Futures an der Börse auf. Das war möglich, da es eine überschaubare Zahl ist. Die Preise stiegen sofort um 15 %.

Zusammenfassung: Durch eine massive Liberalisierungspolitik an den Warenterminbörsen bzw. auf den Finanzmärkten zwischen 1991 und 2005 wurde es Banken, Pensionsfonds etc. erleichtert, Geld an den Warenterminbörsen anzulegen. In der sicheren Annahme, dass immer gegessen werden muss und es sich deshalb um eine sichere Anlage handelt, schossen die Anlagen in diesem Bereich in die Höhe, nahmen in den letzten Jahren um das 50fache zu. Es floss viel Kapital an die Warenterminbörsen. Es wird deutlich mehr gehandelt, als an Realwerten dahinter steht.

4. Noch einige wichtige Phänomene und Begriffe in diesem Zusammenhang

OTC Handel

Doch das Bild ist noch nicht komplett. Denn parallel zu diesen Rohstoff-Fonds hat sich noch ein weitaus größerer Markt für Rohstoff-Derivate aufgebaut, der der öffentlichen Aufsicht komplett entzogen ist. Der so genannte „over-the-Counter“-Handel, kurz OTC-Markt. Im Gegensatz zu den eben erläuterten Investitionen, die an den Börsen gehandelt werden, ermöglicht der OTC-Handel direkte Vereinbarungen zwischen den Banken und ihren Kunden sowie zwischen Banken untereinander. Dabei sind die Rohstoffabteilungen der Banken die Drehscheibe und zugleich übernehmen sie die Preissicherung. Auf diesem Weg hat sich das rein finanzielle Rohstoffgeschäft noch einmal vervielfacht, weil die Banken so über den OTC-Handel eine zusätzliche parallele Handelsumgebung schaffen. Foodwatch zufolge ist das Volumen des OTC-Geschäfts mit Rohstoffderivaten noch sieben Mal größer, als jenes, das über die Terminbörsen läuft.  

Hedgefonds

Man könnte sie als die Spitze des Eisbergs betrachten. Als weitestgehend unregulierte Fonds unterliegen Hedgefonds keiner gesetzlichen Begrenzung und sind deshalb in der Regel in Steueroasen registriert. Gegenwärtig sind rund 2 Billionen US-Dollar in Hedgefonds angelegt. Nehmen wir an, dass nur 5 Prozent davon an den Rohstoffmärkten eingesetzt werden, wären allein 100 Milliarden Dollar im Spiel. Auch dieser Teil des Handels geht komplett an der Börse vorbei und gehört mit zu dem eben erklärten OTC-Handel.

5.  Auswirkungen von Nahrungsmittelspekulation auf die Preise

Der Rollover-Effekt bei den Rohstoff-Indexfonds wurde ja bereits erklärt. Nochmal kurz zur Wiederholung: Spekulanten verkaufen die Future-Kontrakte stets kurz vor deren Fälligkeitstermin und erwerben anschließend neue Futures. Sie kaufen und verkaufen ständig.

Wenn die Fonds binnen kurzer Zeit eine große Zahl neuer Futures kaufen, treiben sie damit den Preis hoch. Und sie kaufen herdenweise, denn sie verhalten sich wie eine Herde. Wenn also ein größerer Player Weizen kauft, bspw. weil es eine Warnmeldung gibt, dass die Weizenernte dieses Jahr etwas geringer ausfällt, kaufen alle Weizen. Wo vorher eine reale Preissteigerung von 10 % wäre, kommt es so schnell zu einer Verdopplung des Preises - wegen des immensen Kapitals, das fließt und des Herdentriebs. Die tatsächliche Preisentwicklung wird vollständig zerstört. Anschließend kommt es zwar häufig vor, dass dieser Preis im weiteren Zeitverlauf wieder fällt, weil die Spekulanten die Gewinne einfahren und verkaufen. Aber Fakt bleibt, dass es durch diese Praxis zunächst einmal zu massiven Preisschwankungen kommt.

Diese immer größer werdenden Preisausschläge erhöhen die Unsicherheit für Bauern, Weiterverarbeiter etc. Selbst deutsche Bauern klagen inzwischen, dass sie absolut nicht einschätzen können, wie sich die Preise entwickeln und dass dies ein neues Phänomen sei.

Immer wieder wird - von immer weniger Wissenschaftlern zum Glück, es sind meistens die, die für Bankenverbände arbeiten - behauptet, dass die Daten über Preise der Future-Börsen keinen Zusammenhang mit den so genannten Spot-Märkten aufweisen - jenen realen Märkten, wo der Preis für ein Agrarprodukt zur sofortigen Lieferung ausgehandelt wird – dem Kassamarkt, den ich zu Beginn beschrieben habe. Tatsächlich aber gibt es zahlreiche Belege dafür, dass sich auch der lokale Getreidebauer in Deutschland längst an den aktuellen Preisen der MATIF (die in Europa führende Getreidebörse mit Sitz in Paris) orientiert, bevor er mit seinem Abnehmer verhandelt! So setzen sich die hohen Preise der Future-Börsen eben doch auch auf lokalen Märkten durch, da sie Referenzpunkt für die echte Preisbildung werden.  Abgesehen davon merken Menschen weltweit die Preisveränderungen real – ansonsten wären die diversen Demonstrationen, Aufstände etc. ja nicht passiert, wenn es sich um ein reines Börsen-Phänomen handeln würde ohne Auswirkungen auf die Realwirtschaft.

Und um nochmal auf das Herdenprinzip zurückzukommen:  Natürlich wird der Markt beeinflusst durch äußere Faktoren wie Zahlen über die Weltbevölkerung, Ernteerträge, Flächenmangel usw. Diese „Trends“, die ja auch reale Preisveränderungen grundsätzlich erklären, aber eher kleine Preisausschläge rechtfertigen würden, führen dank der hektischen und nervösen Warenterminbörsen und dem OTC-Handel zu massiven Ausschlägen, da plötzlich viel Kapital hin und her geschoben wird.

An der Hungerkrise 2008 konnte man es sehen: Der Reispreis vervierfachte sich damals! Es gab für so einen Preisausschlag keine reale Rechtfertigung, es war eine reine Spekulation bzw. Panikreaktion, im Herdentrieb hatten alle Fonds mitgemacht und so den Preis gesteigert. Auch dass sich die Getreidepreise innerhalb eines Jahres verdoppelt haben, ist durch realwirtschaftliche Eckdaten nicht gerechtfertigt.

Selbst die Politik weiß es und tut nichts. Schließlich hat das deutsche Entwicklungsministerium schon 2008 festgestellt, dass die internationalen Kapitalmärkte auf der Suche nach lukrativen und relativ zukunftssicheren Anlagemöglichkeiten wieder auf die Agrarmärkte aufmerksam geworden sind und dass dies für Preisausschläge auf den Agrarmärkten gesorgt hat.

Wie hoch ist aber der Einfluss nun tatsächlich? Experten der Weltbank bezifferten den Einfluss auf ca. 37 Prozent. Der Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen UNCTAD, Heiner Flassbeck, steigert diese Schätzung sogar auf 80 Prozent.

Der Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation und Hunger wird jedoch auch bezweifelt, z.B. von der Bundesregierung. Dieser liegen nach eigenen Aussagen noch immer zu viele gegenteilige Studien vor, um die nachteilige Wirkung von Spekulation mit Nahrungsmitteln und den Einfluss auf den weltweiten Hunger bejahen zu können. –Ein Armutszeugnis! Immer noch weigert man sich die Realität zur Kenntnis zu nehmen.

IV. Deutsche Akteure

Aus Deutschland sind zahlreiche Banken und Versicherungen beim Geschäft mit dem Hunger dabei. Ganz gleich, ob private, öffentliche oder genossenschaftliche Geldhäuser.

Insgesamt legten 2011 die deutschen Finanzinstitute 11,4 Milliarden Euro in Agrarrohstoffen an.

Allianz: gehört zu den weltweit größten Versicherungskonzernen mit 100 Milliarden EUR Umsatz und über 78 Mio. Kunden in 70 Ländern.  Und ist deutscher Spitzenreiter bei Nahrungsmittelspekulationen. Hat mehrere Fonds im Rohstoffbereich. Geschätzte 6,242 Milliarden Euro legte die Allianz im Jahr 2011 in fünf Fonds direkt oder indirekt in Agrarrohstoffen an. Seit 2008 hat sich das Kapital, das die Allianz in Agrarrohstoffen anlegt, mehrmals vervierfacht. Im Jahr 2008, dem Jahr der Hungerkrise, schrieb die Allianz in ihrer Publikation Agrartrends: (Saat-)Gut fürs Depot, dass „sich die Anleger über satte Gewinne erfreuen“ (sic!) konnten. Sojabohnen hätten sich zwischen 2005 und Ende 2007 um 115 Prozent, Mais um 125 Prozent und Weizen um 120 Prozent verteuert. Offensives Werben also mit den steigenden Preisen!

Deutsche Bank: sehr viele neue Fonds, über die Hälfte davon erst 2009 oder später, insgesamt aktuell mindestens 27 Fonds, die Agrarrohstoffe beinhalten. Der Umfang im Agrarrohstoffsektor ist ungefähr bei 4,6 Milliarden Euro, deutscher 2. Platz!

Landesbank Baden-Württemberg (LBBW): Fondsgeschäft durch 100 %-Tochter LBBW Asset Management: diese legte im Juni 2008 den Rohstofffonds LBBW Rohstoffe 1 auf. Seit Februar 2010 auch LBBW Rohstoffe 2 LS à beide Rohstoff-Fonds investieren 196 Millionen EUR in Agrarrohstoffe. 

Commerzbank: seit Mai 2009 eigener Rohstoff-Indexfonds ComStage ETF Commerzbank Commodity EW Index TR. 2011 Anlagevolumen von 435 Mio. EUR, davon 104 Mio. EUR in Agrarrohstoffen (= 24 %)

DEKA: Investmentfonds der Sparkassen – 103 Millionen Euro.

Man kann festhalten: Die Deutschen Insitutionen sind mit Ausnahme der Deutschen Bank und der Allianz nicht die großen Player. Aber sie beteiligen sich am Geschäft mit dem Hunger und verdienen daran prächtig.

V. Welche politische Antworten sind geboten?
  1. Minimallösung: Schaffung von Transparenz, stärkere Marktaufsicht. Dadurch würde zumindest der breiten Öffentlichkeit bekannt werden, welche Banken an dem Geschäft mit dem Hunger verdienen. Immerhin lehnen nach einer FORSA Umfrage aus November 2011 84 % der Bürger Nahrungsmittelspekulationen ab und die Hälfte sagt, sie würde ihre Anlage bzw. ihr Konto kündigen bei einer Bank, die daran Geld verdient. Es ist ein moralisch hochverwerfliches Geschäft, Banken wollen damit ungern in Verbindung gebracht werden. Sie wollen die Gewinne, aber nicht die schlechte Publicity. Daher muss Publicity geschaffen werden – über Transparenz. Das ist das Mindeste.
  1. Eine stärkere Marktaufsicht müsste darauf hinwirken, nur Spekulation mit Agrarrohstoffen auf das zur Preisabsicherung notwendige Maß an Warentermingeschäften stattfinden zu lassen.
  1. Weiterhin brauchen wir Positionsobergrenzen. D.h. zurück zu früheren Zeiten, wo die Anzahl der Kontrakte pro Anleger massiv eingeschränkt war. Das macht das Geschäft mit dem Hunger für die Rohstoff-Fonds deutlich unattraktiver. Dies muss durch Kontrollinstanzen bzw. einer strengen Marktaufsicht kontrolliert werden.
  1. Damit erfasst man natürlich nur den Handel an den Warenterminbörsen. Wie gesagt, ein größerer Teil des Handels findet außerbörslich statt. Deswegen muss der OTC-Handel, der außerbörsliche Handel, komplett verboten werden.
  1. Des Weiteren brauchen wir die Einführung eines Händlerregister, in dem sich alle Akteure, die mit Agrarrohstoffderivaten handeln, registrieren lassen müssen. Eine Registrierung ist Akteuren möglich, die an Produktion, Weiterverarbeitung und Verkauf beteiligt sind. Indexfonds ist die Eintragung in das Handelsregister zu verweigern.

Würde man diese fünf Punkte umsetzen: Transparenz, starke Marktaufsicht, Positionsobergrenzen, Verbot des OTC Handels, Ausschluss der Rohstoff-Indexfonds – also Börsenregulierung, wäre viel gerettet und die Zockerei mit Nahrungsmitteln würde massiv eingedämmt. Möglich ist das auch, die Reglungen gab es vor 1990 durchaus.

Wo man aber wirklich hin muss: Den gesamten Agrarrohstoffhandel muss von den Finanzmärkten entkoppelt werden, wie DIE LINKE auch in einem Antrag im Deutschen Bundestag gefordert hat. Nahrung ist ein Menschenrecht, kein Spielzeug für Spekulanten. Wenn man das politisch so sieht, muss man weg von der Preisfestlegung an Börsen hin zu staatlichen Vereinbarungen und Preiskorridoren über Nahrungsmittelpreise. Dies schafft ebenfalls Preissicherheit für alle Beteiligten – und schützt die Hungernden dieser Welt vor herbei spekulierten Preissteigerungen.

Niema Movassat, MdB, DIE LINKE, Juni 2012


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