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Schlimmste Dürre seit Jahrzehnten: Die Katastrophe von Äthiopien

Hungerkind_100Äthiopien ist die Hoffnung am Horn von Afrika. Doch nun leiden dort Millionen Menschen unter den Folgen von El Niño: einer verheerenden Dürre. Und sie brauchen dringend Hilfe.

Millionen Kinder leiden unter der Dürre.
Millionen Kinder leiden unter der Dürre.(Foto: imago/epd)

Äthiopien ist nicht irgendein Land. Und diese Dürre ist nicht irgendeine Dürre. Es ist die schlimmste Dürre seit 50 Jahren, unter der Äthiopien derzeit leidet: Noch nie ist so wenig Regen gefallen, noch nie sind die Temperaturen so hoch geklettert und noch nie zuvor hat sich das Klimaphänomen El Niño so gravierend ausgewirkt.

Und während die Dürre weit über Äthiopien hinausgeht, ist dieses Land doch in besonderem Maße davon betroffen. Die üblichen Regenfälle im Frühling sind nun mehr als zwei Monate überfällig. In Gegenden wie der Sitti-Zone im Osten Äthiopiens ist bereits die dritte Regensaison seit Mitte 2014 ausgeblieben. Die Landschaft bietet ein trostloses Bild: vertrocknete Blätter auf winzigen Büschen, Skelette verhungerter Tiere und ausgetrocknete, aufgeplatzte Flussbetten. Etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung hat keinen Zugang mehr zu Nahrungsmitteln.

Wieder sind es die Kinder, die es am härtesten trifft: 6 Millionen Kinder sind mangelernährt und haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Die unabhängige Kinderrechtsorganisation Save the Children arbeitet eng mit der Regierung zusammen, um die Gegenden zu erfassen, die am schlimmsten betroffen sind. Hauptsächlich behandeln wir in unseren Ernährungszentren akute Mangelernährung, damit die Kinder gar nicht erst in einen so kritischen Gesundheitszustand fallen, von dem sie sich nur noch sehr schwer erholen können und der auch langfristige Folgen für ihre Entwicklung hat. Unterernährte Kinder haben nicht die Kraft, die sie gegen Kinderkrankheiten wie Masern oder Durchfall – zwei Hauptgründe für Kindersterblichkeit unter fünf Jahren – brauchen.

Nach dem Hunger kommen die Krankheiten

Als die 4-jährige Malou das erste Mal im Ernährungszentrum von Save the Children ankam, war sie extrem untergewichtig und hinkte, ihre Füße waren geschwollen. Kaum war sie wegen ihrer Mangelernährung behandelt worden und auf dem Weg der Besserung, kämpft sie nun gegen ein neues Problem: eine Lungenentzündung. Das Beispiel dieses Kindes verdeutlicht die eigentliche Tragödie, die sich zurzeit in Äthiopien abspielt: Dass sich jemand gerade so von einer lebensbedrohlichen Krankheit erholt, nur um gleich an einer neuen zu erkranken.

Äthiopien steckt gerade mitten in einem wirtschaftlichen Wandel: Zwar ist es das zweitärmste Land der Welt, hat aber gleichzeitig in den vergangenen zehn Jahren ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von zehn Prozent pro Jahr erlebt. Davon nährte sich die Hoffnung, innerhalb der folgenden Dekade ein Land mit mittleren Einkommen zu werden.

Seit den letzten Dürreperioden hat Äthiopien enorme Fortschritte gemacht. 1990 starben noch schätzungsweise 204 von 1000 Kindern vor ihrem fünften Geburtstag. Bis 2012 hatte das Land diese Zahl um 67 Prozent reduziert und damit das Millenniumsentwicklungsziel drei Jahre früher erreicht als geplant. Auch in der Ernährungskrise hat sich die Regierung tatkräftig und kompetent gezeigt, indem sie frühzeitig 380 Millionen US-Dollar für die Prävention der herannahenden Katastrophe aufgebracht hat. Nichtregierungsorganisationen haben in den vergangenen Jahren mit der Regierung zusammen Entwicklungshilfefonds aufgesetzt, die die Widerstandsfähigkeit des Landes stärken sollten, und so ist das Land auf den Krisenfall besser vorbereitet als je zuvor. Aus diesem Grund haben wir nicht massenweise Menschen verhungern sehen, wie das in früheren Dürreperioden der Fall war.

Die nächste Dürre kommt bestimmt

Wenn es sein muss, ist Äthiopien sogar finanziell in der Lage, der Krise allein Herr zu werden – aber nur zu dem Preis erheblicher Entwicklungsrückschritte oder mit der Konsequenz, dass Äthiopien die nächste Krise dann vermutlich nicht mehr bewältigen kann. Und die wird ganz bestimmt kommen. Alle Indikatoren des Klimawandels weisen darauf hin, dass es sich hier nicht um eine einzelne Dürre handelt, sondern vielmehr ein Muster für die Zukunft.

Die äthiopische Regierung sieht sich also derzeit drei hauptsächlichen Herausforderungen gegenüber: Sie muss Nahrungsmittel für über 10 Millionen Menschen zur Verfügung stellen. Sie muss sich außerdem gleichzeitig auf die nächste Dürre vorbereiten, die jederzeit eintreten kann. Dazu gehört, flexibles Geld bereitzuhalten, das sehr schnell - und zwar bei den ersten Anzeichen einer Dürre - eingesetzt werden kann, um eine Eskalation verhindern zu können. Und sie muss ein langfristiges Konzept entwickeln, damit Menschen vor Ort sich in ihrer Existenzsicherung den veränderten Klimaverhältnissen anpassen können. Um wirklich erfolgreich zu sein, müssen die Mittel für diese drei Aufgaben gleichzeitig bereitstehen. 600 Millionen US-Dollar werden allein dafür benötigt, um die jetzige Krise in den Griff zu bekommen. Ich bitte die internationale Gemeinschaft inständig, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und dringend zu handeln.

Die Weltgemeinschaft hat stark investiert, damit Äthiopiens Wirtschaft stark und autark genug ist, um Krisenzeiten zu überstehen. Dazu gehörte auch die Entwicklung von Frühwarnsystemen, um Notsituationen wie die aktuelle Ernährungskrise frühzeitig zu erkennen und stoppen zu können, bevor sie in eine Katastrophe ausartet. Es ist unsere Schuld, wenn wir das Läuten der Alarmglocken nun überhören. Quelle

Ein Gastbeitrag von Helle Thorning-Schmidt, CEO von Save the Children

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