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Ansichtssache Armut

Teilzeitarbeit und niedrige Löhne als Ursache für steigende Zahl der Nebenjobs. Unternehmernahe Ökonomen sehen das anders

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Nebenerwerbstätigkeit sei »kein Indiz für Armut«, schreibt Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) auf dessen Internetseite. Der Grund für die »Richtigstellung« der unternehmernahen Einrichtung: In der vergangenen Woche war durch eine Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag bekanntgeworden, dass mittlerweile 3,2 Millionen Lohnabhängige zusätzlich zu ihrem Hauptjob einer Nebentätigkeit nachgehen. Das sind rund eine Million »Multijobber« mehr als noch vor zehn Jahren. Ein Grund zur Aufregung sei das aber nicht, schließlich seien Nebenjobber »sogar oft sozial besser gestellt als andere Beschäftigte«, so Schäfer.

Wie das IW »vorrechnet«, kann die Kombination aus einer sozialversicherungspflichtigen Stelle und einer abgabenfreien Nebentätigkeit – dies betrifft etwa 2,6 Millionen Personen – finanziell sinnvoller sein als eine Lohnerhöhung. So müsse ein »alleinstehender Durchschnittsverdiener mit 3.500 Euro brutto« für eine Gehaltssteigerung von 300 Euro im Hauptjob 153 Euro Steuern und Abgaben zahlen. »Der Nebenjob kann also deutlich lukrativer sein, selbst wenn dort nur geringe Stundenlöhne erzielt werden«, so das IW. Dass die Mehrfachbeschäftigung so stark zugenommen hat, habe »vor allem mit der verbesserten Arbeitsmarktlage zu tun« und weniger mit niedrigen Löhnen. Zudem zeigten Befragungsdaten aus dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP), dass Vollzeitbeschäftigte mit Nebenerwerb sogar ein höheres Bruttoeinkommen und einen höheren Stundenlohn hätten als in Vollzeit Tätige ohne Zweitjob.

Dass das IW ausschließlich mit Beschäftigten in Vollzeit argumentiert, die zudem noch ein bescheidenes Bruttoeinkommen von 3.500 Euro im Monat haben, hat gute Gründe. Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der BA am Dienstag in seinem neuesten »Kurzbericht« feststellt, ist eine der Entwicklungen, die die Zunahme der Zweitbeschäftigungen begünstigt hat, die kontinuierliche Zunahme der Teilzeitarbeit. Sowohl bei Nebenjobbern als auch bei Einfachbeschäftigten sei die Teilzeitquote zwischen 2003 und 2014 um mehr als 8 Prozentpunkte gestiegen. Diese Entwicklung stärke »das Motiv, aus Beschränkungen der Arbeitszeit heraus einen zweiten Job anzunehmen«. Viele Teilzeitbeschäftigte würden aber gerne ihre Arbeitszeit im Hauptjob ausdehnen, um dadurch mehr verdienen zu können. Hier verweist allerdings auch das IAB auf die Gefahr, dass eine entsprechende Lohnsteigerung unter Umständen wegen der dann höheren Abgabenlast zu einem geringeren Nettozusatzverdienst führen könne als eine zusätzliche geringfügige Beschäftigung.

Als weitere Gründe für die vermehrte Nebenerwerbstätigkeit nennen die Forscher der Bundesagentur für Arbeit – ähnlich wie das IW – die insgesamt vermehrte Beschäftigung, aber auch – völlig konträr zu den Ansichten aus Köln – die zumindest im Berichtszeitraum zwischen 2003 und 2010 schwache Lohnentwicklung: »In realer Rechnung haben nur die Hochqualifizierten Lohnzuwächse realisieren können, während vor allem niedrigqualifizierte Arbeitnehmer Reallohnverluste hinnehmen mussten.« Dies habe dazu beigetragen, »dass die unteren Einkommensgruppen eine hohe Nebenjobneigung aufweisen«. Überdurchschnittlich auf einen Zuverdienst angewiesen seien vor allem Frauen, Personen mittleren Alters sowie Ausländer. Im Hauptberuf seien »Multijobber« oft in den Bereichen Verwaltung, Verkehr, Gesundheitswesen sowie in den Sozial- und Erziehungsberufen tätig.

 

Auch der sektorale Wandel, weg von der Industrie und hin zum Dienstleistungsbereich, habe den Trend zum Zweitjob begünstigt. Für viele Bereiche des Dienstleistungssektors seien hohe Teilzeitquoten und niedrigere Löhne als in der Industrie typisch. Beide Faktoren sorgen dafür, dass viele der dort Beschäftigten auf einen oder mehrere zusätzliche Jobs angewiesen sind. Zudem führe auch der demographische Wandel zu mehr Nebentätigkeiten. Es seien »Altersgruppen anteilsmäßig stärker geworden, in denen es eine vergleichsweise hohe Nebenjobwahrscheinlichkeit gibt«.

Diese »vergleichsweise hohe Nebenjobwahrscheinlichkeit« dürfte allerdings auch davon herrühren, dass viele Ältere sonst nicht über die Runden kommen. Darauf deuten – zumindest indirekt – Daten aus dem Wohngeldbericht der Bundesregierung hin. Wie die Süddeutsche Zeitung am Montag meldete, war 2016 fast jeder zweite Wohngeldempfängerhaushalt von Rentnern bewohnt. Die Zahl der Rentnerhaushalte, die aufgrund ihrer geringen Einkünfte den staatlichen Zuschuss zur Miete erhielten, sei innerhalb eines Jahres um 63 Prozent auf rund 290.000 gestiegen. Im Schnitt verfügten diese über ein Einkommen von lediglich 730 Euro im Monat. Wenn man bedenkt, dass viele Ruheständler – trotz vorliegendem Anspruch – vermutlich aus Scham darauf verzichten, Wohngeld zu beantragen, ist die starke »Neigung« Älterer zum Nebenverdienst durchaus plausibel. Irgendwie muss die Miete schließlich bezahlt werden. Das Institut der deutschen Wirtschaft würde aber vermutlich auch diese Entwicklung nicht als Indiz für Armut werten. Quelle

Stefan Thiel

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